Natural Born Cat Killers

vor 3 Wochen

42 Tage in Kalifornien.

Unser Autor wollte für ein paar Wochen mit seiner Familie dem Alltag entfliehen – und tauschte seine Berliner Wohnung mit einem Privathaus in Los Angeles. Statt Traumstrand, Sonne und Surfin’ USA fand er eine Bruchbude und zwei verwahrloste Katzen vor. Bald wurde der Traumurlaub zum Horrortrip. Das Protokoll einer Entgleisung.

 

An manche Dinge will man sich nicht gewöhnen. Der Berliner Winter gehört dazu. Er beginnt Anfang November mit Temperaturen um die fünf Grad und einem schräg in der Luft stehenden Regen. Wenn man Pech hat, endet er erst Mitte April, wenn die Kirschen blühen. Sechs Monate Grau, das ist die Hälfte des Jahres. Im vergangenen Oktober suchte ich deshalb für die Familie ein Ausweichquartier. Wenigstens für die schlimme Zeit zwischen Neujahr und Ende Februar, wenn sibirische Winde durch die Berliner Straßen fegen. Die Kanaren mit ihrem ewigen Frühling liegen zwar nah, sind aber auch etwas langweilig. Die Umgebung von Los Angeles dagegen hat das, was wir uns wünschten – urbane Energie, wilde Natur, ein angenehmes Klima und der weite, lichtdurchflutete Raum über dem ewig anrollenden Pazifik. Die Preise waren eher problematisch. 6.000 Dollar für ein Haus sind eher die Regel als die Ausnahme. Also warum nicht die Unterkunft tauschen? Von Freunden hatten wir Gutes über das sogenannte Swapping gehört, das insbesondere in Kalifornien populär sein soll. So suchten wir uns einige Seiten zum Haustausch heraus, machten aussagekräftige Bilder unserer Wohnung und gaben eine Anzeige mit den von uns gewünschten Reisedaten auf. Doch niemand meldete sich. Jedenfalls niemand aus Kalifornien. Potenzielle Tauschpartner reagierten gleich: Berlin ja, unbedingt und gerne, aber auf keinen Fall im Winter. Natürlich hat man auch im fernen Westen vom Wesen dieser Jahreszeit in Berlin gehört. Dafür bekamen wir eine Menge Angebote aus den rumänischen Karpaten, dem polnischen Masuren, der Slowakei und Bulgarien. Also von überall dort, wo der Berliner Winter als milde Variante eines wirklichen Winters belächelt wird. Und es war zwar durchaus interessant, die an Scheußlichkeit oft nicht zu überbietende Einrichtung bestimmter Apartments zu bestaunen, doch irgendwie auch beleidigend. Glaubten die Leute ernsthaft, dass wir unsere große, schöne, zentral gelegene Berliner Wohnung gegen eine enge Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Bukarest eintauschen wollten? Andererseits – machten wir uns in Bezug auf an der kalifornischen Küste gelegene Traumhäuser mit Pool und unverstelltem Meerblick nicht vergleichbare Illusionen? Sah unsere Berliner Wohnung aus weiter westlicher Perspektive nicht ähnlich schäbig aus wie für uns die rumänischen Behausungen? Der Winter war bereits angebrochen, als uns doch noch eine Anfrage aus dem südlich von Los Angeles gelegenen Orange County erreichte: Ob wir uns einen Tausch im Mai und Juni vorstellen können? Unser erster Impuls war es, abzulehnen. Im Frühsommer ist es ja auch in Berlin sehr schön. Doch dann sahen wir die Bilder des auf einer Klippe über dem Pazifik gelegenen Hauses und kamen ins Grübeln. Klassischer California Beach Style, viel Holz, viel Weiß, dick gepolsterte Terrassenmöbel, eine an einem Balken schwingende Hollywoodschaukel, von der aus der Blick über den Pazifik geht, ebenso wie von der Küche, dem Salon und den meisten Schlafzimmern. Der Ort – Laguna Beach – schien ebenfalls vielversprechend. In genau der richtigen Entfernung zu Los Angeles, so dass man sich in einer Kleinstadt fühlen und trotzdem in einer guten Stunde am Getty Center sein kann, wenn man es schafft, den Stau auf dem Interstate 5 zu vermeiden. Es gibt eine Reihe guter Restaurants, einen State Park, der praktisch direkt hinter dem Haus beginnt, und natürlich einen kilometerlangen Strand. Über Facetime sprachen wir mit den Hausbesitzern, einem Fotografen und einer Musikprofessorin, und kamen überein, unsere Wohnung gegen ihr Haus zu tauschen. Vielleicht wurden bei diesem Gespräch auch zwei Katzen erwähnt, doch weder meine Frau noch ich konnten uns später daran erinnern.

 

ABFLUG NACH L.A.

Eine Woche vor Abflug begannen wir, unsere Wohnung herzurichten. Meine Frau packte der Ehrgeiz, es unseren Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Sie räumte Schränke aus, befreite die Badezimmer von persönlichen Toilettenartikeln, schaffte neue weiße Handtücher an, präparierte einen Stadtplan mit selbstklebenden Farbpunkten und einer dazugehörenden Legende. Dann stiegen wir ins Flugzeug. In Südkalifornien soll es ja immer sonnig sein. In der Tendenz mag das stimmen. Doch Ende Mai, Anfang Juli heizt sich die weite Wüstenlandschaft Nevadas auf, Wasser aus dem noch kalten Pazifik verdunstet. Die Küste liegt dann oft tagelang unter grauen Wolken. So war auch unser erster Eindruck von unserem Tauschhaus – grau. Er setzte sich im Inneren fort. Ich verstand, warum der Hausbesitzer als Fotograf erfolgreich ist. Offenbar beherrscht er es,Glanzloses durch seine Kamera erstrahlen zu lassen. Im Gegensatz zu uns schienen sich unsere Gastgeber wenig Mühe gemacht zu haben. Alles wirkte, als wären sie nur eben zum Einkaufen. Es war nicht wirklich dreckig, aber auch nicht sauber oder aufgeräumt. Auf dem Waschbecken lagen Zahnbürsten, auf dem Wannenrand Rasierer. Die Bücher auf den Nachttischen waren aufgeschlagen. Doch die wirkliche Überraschung waren Carmen und Fernanda. Weder meine Frau noch ich sind besonders verrückt nach Tieren. Nach dem Langstreckenflug mit Kleinkind und dem eher ernüchternden Eindruck des vermeintlichen Traumhauses erklärte ich mich bereit, die Katzen zu betreuen. So schwer, dachte ich, kann das ja nicht sein. Doch bereits die tägliche Fütterung stellte sich als nervenaufreibend heraus. Carmen hatte offenbar erst kürzlich eine Operation erlebt, weshalb ihr Fell abrasiert war und sie wie ein gerupftes Huhn aussah. Sie musste unbedingt Medizin mit ihrem Essen einnehmen. Mir war nicht klar, wie ich das bewerkstelligen sollte. Die Katzen fraßen nicht, wenn jemand in der Nähe war, und als ich Fernanda dann doch einmal überraschte, fraß sie aus dem für Carmen mit Medizin präparierten Napf. Auch die Hygiene wurde zum Problem. Ich habe schon oft das Loblied der Katzenliebhaber auf diese angeblich so reinlichen Tiere vernommen. Doch konnte ich es kaum mit den Erfahrungen zusammenbringen, die ich nun unfreiwillig machte. Nicht nur verstreuten die Tiere ekelhaft parfümiertes Katzenstreu im ganzen Haus. Eine der Katzen hatte offenbar ein Problem, überhaupt aufs Katzenklo zu gehen. Wir fanden Urinpfützen und kleine Haufen im ganzen Haus. Weder meine Frau noch ich sind besonders katzenaffin. Doch selbst uns war klar, dass mit einer der beiden etwas nicht stimmte. Ich hatte Fernanda in Verdacht, die offenbar mit unser Anwesenheit ein Problem hatte und fauchte, sobald unser kleiner Sohn in ihre Nähe kam. Da unsere Gastgeber nicht zu erreichen waren, riefen wir die für dringliche Fälle hinterlegte Nummer ihres Sohnes an. Greg, ein schlaksiger Typ mit sonnigem Gemüt, wiegelte ab. Er habe Carmen überhaupt nie Medizin gegeben, und dass Fernanda etwas aufgeregt ist, sei normal. Tatsächlich entspannte sich die Lage. Wir gingen den Katzen aus dem Weg und unseren vom wolkigen Himmel getrübten Feriendingen nach. Doch nach ein paar Tagen fing es wieder an. Diesmal blieb es nicht bei Kot und Urin. Wir fanden an mehreren Stellen von Fell durchsetzten Mageninhalt. Ich alarmierte Greg, dem die Nonchalance, mit der uns seine Eltern das Katzenproblem überlassen hatten, wenigstens etwas peinlich war. Er wusste allerdings auch keinen Rat und schien sich auch keine großen Sorgen um das Wohl der Katzen zu machen. Ich entwickelte eine gewisse Abgeklärtheit darin, Katzendreck mit einer Rolle Küchenpapier und einem Desinfektionsmittel aus der Welt zu schaffen.

 

HILFE, GREG!

Eines Nachts wurden wir von erbärmlichen Klagelauten geweckt. Carmen hatte eine anstrengende Anhänglichkeit entwickelt. Obwohl sie mir mit ihrem rasierten Fell einigermaßen zuwider war, streichelte ich sie für wenigstens einige Minuten täglich. Es war offensichtlich, dass es ihr schlecht ging. Ich schrieb unseren Gastgebern eine Mail, auf die sich bloß wieder Greg meldete, der die Tage vorbeischauen wollte, dann aber nicht kam. Carmen schien nun immer zu schlafen. Eines Morgens schleppte sie sich zum Wassernapf, war jedoch kaum in der Lage, zu trinken. Ich ahnte, dass es ernst war, und drängte Greg, vorbeizukommen. Er kam und brachte Carmen zum Tierarzt. Der diagnostizierte eine durch die Operation, die Abwesenheit der Bezugspersonen und unsere Anwesenheit bedingte Stressreaktion und erklärte, die Katze sei in Todesgefahr. Ihr einzige Chance sei es, ab sofort in ihrer vertrauten Umgebung zu sein, doch ohne Fremde. Eigentlich sollten wir zu diesem Zeitpunkt noch drei Wochen in dem Haus bleiben. Gerade hatte es den ersten ungetrübten Sonnentag gegeben. Die Aussichten für die kommenden Wochen waren ausgezeichnet. Wir hatten uns auf Strand und Pool gefreut. Doch wollten wir nicht für Carmens qualvolles Sterben verantwortlich sein.

 

Darum ließen wir uns auf Gregs Vorschlag ein, für die restliche Zeit in das ähnlich große, leider nicht direkt am Meer, sondern 20 Meilen im Landesinneren gelegene Haus seiner Tante zu ziehen. Wir blieben keine zwei Tage. Das Haus war für jemand, der – sagen wir mal – Katzen neutral gegenübersteht, ein Albtraum. Katzenbilder überall, an den Wänden, in Regalen, auf Teppichen, Wanduhren, sogar auf den Griffen des Bestecks. Das Tier, dem diese Verehrung galt, ließ sich nicht sehen. Greg erklärte, dass sich Alf vor Fremden unter einem Bett im dritten Schlafzimmer verstecke und nur nachts hervorkomme. Wir hatten das Gefühl, in die schlechte Fortsetzung eines an sich schon miesen Horrorfilms geraten zu sein. Als wir dann noch herausfanden, dass Gregs Tante von unserer Anwesenheit in ihrem Haus nichts erfahren durfte, hatten wir genug. Wir beschlossen, abzufahren. Am nächsten Tag kauften wir einige Dinge für den an einem langen Abend geplanten Roadtrip ein. Bei unserer Rückkehr vom Einkauf ließ ich das elektrische Garagentor auffahren. Greg hatte uns ermahnt, auf jeden Fall immer in der Garage zu parken, auch wenn dort vor lauter Kram kaum Platz für unser Auto war. Andernfalls würden die Nachbarn nervös, stünde plötzlich ein fremdes Auto auf der Straße. Als das Tor klemmte, fuhr ich es wieder zu, dann wieder auf, wieder zu und wieder auf, bis es aus der Verankerung riss und zu Boden krachte. Die Laufschiene, auf der sich das Tor bewegte, musste zuvor leicht abgesackt sein. Durch mein ungeduldiges Auf- und Zufahren hatte ich mehrere Schränke, die an der Garagenwand standen, zu Kleinholz gemacht. Ich rief mit schlechtem Gewissen bei Greg an, das sich jedoch noch während des Gesprächs verflüchtigte. Denn zufällig entdeckte ich einen Zettel mit Anweisungen der Tante an den Neffen, auf dem sie ausdrücklich vor dem defekten Garagentor warnte. Offenbar hatte Greg diesen Zettel nie gesehen. Als wir den beträchtlichen Schaden begutachteten, war Greg blass, wirkte am Boden zerstört. Um ihn aufzurichten, verkündete ich, dass wir gleich am nächsten Morgen abfahren würden. So brauche er sich keine Sorgen zu machen, dass wir das Haus abfackeln oder die nächste Katze an den Rand des Todes bringen würden. In diesem Moment fiel mir Carmen ein. Greg erklärte auf meine Frage, wie es ihr ginge, dass sie vor weniger als einer Stunde eingeschläfert worden sei.

 

Text: Martin Simons
Dieser Beitrag erschien zuerst in Fräulein Ausgabe 1/2018

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