Niemals wieder – Gedenken und Gedanken zum 9. November

vor 6 Jahren

Der 9. November ist ein Tag in der deutschen Geschichte, an den man sich erinnert.

Jedes Jahr aufs Neue, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende Auge blickt auf den Fall der Mauer, die jubelnden Menschen, die 1989 in ganz Deutschland die Wiedervereinigung feierten. Doch das weinende blickt weiter zurück und schnell füllt sich auch das zweite mit Tränen. Wer an 1938 denkt, hat keinen Grund, zu jubeln. Die Reichspogromnacht in der hunderte Juden starben, zehntausende in Konzentrationslager deportiert und enteignet wurden, ist einer der dunkelsten Momente deutscher Geschichte.

Heute, 78 Jahre später, gibt es kaum noch Menschen, die uns davon erzählen können. Viele der Überlebenden sind nach Israel gegangen, um ihren Kindern und Enkelkindern eine Zukunft fern der Traumata der Vergangenheit zu ermöglichen. Aber auch diese Zeitzeugen-Generation ist bald nicht mehr. Ihre Stimme wird fehlen.

Mein ganzes Leben lang habe ich in Deutschland gelebt. Ich bin auf ein deutsches Gymnasium gegangen, habe im Geschichtsunterricht über den Nationalsozialismus und den Holocaust gelernt, im Deutschunterricht das Tagebuch der Anne Frank gelesen und im Ethikunterricht über verschiedene Religionen diskutiert. Ich lebe schon mein ganzes Leben lang in Deutschland und weiß um die Geschichte, habe aber keinen Kontakt zu Menschen jüdischen Glaubens, war noch in keiner Synagoge in Deutschland. Es ist nicht so, dass ich nicht könnte oder wollte. Es kam mir einfach nie in den Sinn. Warum ist das so? Warum fällt mir das erst jetzt auf, wo ich mich anlässlich des 9. Novembers mit dem Thema beschäftige?

Mit meinen muslimischen Freunden habe ich  mich darüber unterhalten, wie es ist, im Alltag Diskriminierungen ausgesetzt zu sein. Aber ich weiß nicht, was es für Juden bedeutet, heute in Deutschland zu leben. Wie kann das sein? Die Stimmen der Vergangenheit verstummen, sollten wir uns nicht gerade da denen der Gegenwart zuwenden?

Das Wissen um Geschichte ist essentiell. Es kann und darf aber nicht den Blick verstellen für das Hier und Jetzt. Wie leben Juden heute in Deutschland? Was bewegt sie, was sind ihre Ängste, ihre Träume? Schulen, Kitas, Synagogen, Museen, Gemeindezentren, allein in Berlin müssen knapp 60 jüdische Einrichtungen rund um die Uhr polizeilich überwacht werden. Wie fühlt sich das an, beschützt werden zu müssen, mitten in der Hauptstadt im Jahr 2016?

Ist es nur meine subjektive Wahrnehmung, oder findet jüdisches Leben bei uns einfach nicht so sehr in der Öffentlichkeit statt, wie in anderen Ländern? Ist es wirklich abgekapselt oder habe nur ich selbst keine Berührungspunkte? Ist es nicht an der Zeit, mehr Neugier und Aufmerksamkeit zu zeigen? Ich merke, dass mich diese Fragen traurig machen. Bin ich die einzige, der es so geht?

Der 9. November hat mich zum Nachdenken gebracht und ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns mehr damit beschäftigen, wie die Traumata nachwirken, wie die Gegenwart von jüdischer Kultur in Deutschland ist und wie ihre Zukunft aussehen wird. Damit eines Tages keine Mauern mehr um jüdische Schulen stehen müssen.

Beitrag: Laura Greiff
Bild: Von Jensen – German Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=463450

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