Talent: Amalia Ulman

vor 3 Jahren

Amalia Ulman hat uns alle verblüfft: Mit der ersten Instagram-Performance der Kunstwelt entblößte die Argentinierin die Begierden und Abgründe unserer Inszenierungskultur – und hat es damit ins Museum geschafft.

Vor Wochen auf Instagram: eine Nahaufnahme, die Rosenblätter mit Morgentau zeigt, ein Wohlfühlbild. Man sieht es an und will die Füße in einem Schaffell vergraben, es scheint nach Vanilletee zu riechen alles wirkt süß, total kawaii, das japanische Wort für niedlich. Auch die umliegenden Instagram-Fotos sind Teil dieser pastelligen Farbenwelt: Rüschen, Törtchen, Hello Kitty OMG, so cute.
Bis plötzlich auf einer Kachel eine Injektionsspritze auftaucht, bleckend und bedrohlich. Sie löst die ganze Lust an den niedlichen Bildchen auf, so stark ist der Kontrast zwischen Puppenhausglück und Spritzenstahl. Auf einem weiteren Foto im Feed entdeckt man Brüste, so bandagiert wie nach einer Schönheits-OP, darunter die Zeile #frankenboob, really worth the pain lol.

Die Alarmglocken läuten. So laut, dass die ganze Kunstwelt inzwischen von Ulmans bizarrer Micro-Plattform gehört hat. Die 26-Jährige, geboren in Argentinien, aufgewachsen in Spanien, hat in London studiert und gilt als erste reine Instagram-Künstlerin. Sie verwirrt ihre rund 120.000 Follower mit seltsamen Selfies, die aussehen wie aus einem melancholischem Modeblog und eine Ästhetik aufweisen, die zwischen Stundenhotel, Krankenhauszimmern und Besprechungsräumen einer Rentenversicherung schwankt. Und sie stellte die Glaubhaftigkeit ihres gesamten Instagram-Profils auf die Probe, als sie bekannt gab, dass alle Geschichten, die sie veröffentlicht hatte, nicht real waren, sondern die Online-Parodie von Online-Berühmtheiten seien. Dazu zählte etwa auch eine tagebuchartige Dokumentation aus 175 Posts mit ihren vermeintlichen Brustvergrößerungen, Aufspritzungen oder einem nose job. Alles Fake. Schein oder Sein, Schein als Sein die erste Instagram-Performance der Kunstwelt. Ein Schachzug, mit dem Ulman die Begierden und Abgründe einer Inszenierungskultur mit deren eigenen Waffen schlug.

Amalia Ulman wird von der Galerie James Fuentes in New York vertreten. Ihre Arbeiten sind Teil der Ausstellung Performing for the Camera, die bis zum 12. Juni in der Londoner Tate Modern zu sehen war.

Foto: Amalia Ulman, Suite 1717, Courtesy of the artist

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein 2/2016.

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