Das trage ich für die Ewigkeit: Brigitte Maria Mayer

vor 4 Wochen

Love will tear us apart.

Sie inszenierte ihre eigene Beerdigung, stürzte sich für eine Performance in drei Meter Tiefe und verarbeitete im Fotoband „Der Tod ist ein Irrtum“ den Tod ihres Ehemannes, des berühmten Dramatikers Heiner Müller. Dabei will die Fotografin und Filmemacherin Brigitte Maria Mayer vor allem lang und intensiv leben. Ein Gespräch über Liebe und Tod.

Fräulein: Finden Sie es nicht seltsam, dass eine Fremde in Ihre Wohnung kommt und Sie über den Tod ausfragt?
Brigitte Maria Mayer:
Es gibt viel seltsamere Dinge. Zum Beispiel, wie man mit dem Tod umgeht. Er wird so abgetrennt. Darum kommt es einem auch fremd vor, darüber zu sprechen.

Was wollen Sie bei sich haben, wenn Sie sterben müssen? 
Den Nerz würde auswählen, weil er für mich für Schutz steht, wie im Märchen Allerleirau. Darin geht um ein Königskind, dessen Mutter stirbt. Der Vater will dann die Tochter heiraten, sie flieht, lebt im Wald und baut sich aus Pelzstückchen einen Mantel. Darin verschwindet sie wie ein Tier. Der Pelz ist eine Erinnerung an die tierische Zeit, als man noch ein Fell hatte, das vor Kälte geschützt hat. Aus diesem Materialfetischismus heraus wähle ich den Pelz, und der Nerz ist der weichste. Nichts wärmt auf diese Art und gibt mir eine besseres Gefühl. Er umschmeichelt einen.

Und das Bild auf ihrem Pelz? 
Das Foto ist mein absolutes Lieblings-Selbstportrait. Ich habe mich immer als Kämpferin gefühlt und versucht, mir alles zu ermöglichen, ob Freiheit oder Projekte, die nie gut finanziert wurden. Auch die Geschichte vom Gordischen Knoten hat mich immer interessiert. Ihn zu zerschlagen heißt, weiter zu kommen. Und die Jugend habe ich jetzt nicht mehr so wie auf dem Bild. Sie ist darin bewahrt und so kann ich sie mit in die Ewigkeit nehmen.

Sie haben früher unzählige solcher Selbstportraits mit mythologischem Hintergrund gemacht.
Sie sind eine besondere Art des Poesiealbums und die Dokumentation meiner Ich-Werdung. Die mythologischen Figuren gaben mir immer viel: Man lebt meist nur im Moment. Übergeordnete Dinge wie Liebe, Tod und Verrat hat es aber schon immer gegeben und wurden in den alten Geschichten verarbeitet. Zum Leben gehört eine zweite Welt: Bilder, Literatur, Filme. Alle großen Dinge des Lebens werden darin verhandelt, damit man sich mit ihnen auf einer zeitlosen Ebene auseinandersetzen kann. So sieht man, dass das Unglück einen nicht nur im einzelnen trifft, sondern dass es Themen gibt, die sich wiederholen. Ohne diese Welt der Übersetzung und Auseinandersetzung wäre das Leben leer.

In einer Performance als Studentin haben Sie Ihre Beerdigung inszeniert. Wie sah das aus?
Meine damalige Freundin und ich haben uns gemeinsam beerdigt. Zum Schluss lagen wir nackt in einem Meer von Rosen, geradezu kitschig. Es ging um den gemeinsamen Liebestod, dieses verzweifelt für immer zusammen zu sein wollen.  Als ich Anfang zwanzig war habe ich mich besonders in den Performances damit beschäftigt und mich etwa aus drei Metern Höhe fallen lassen, um zu sehen, ob mir was passiert. Gleichzeitig habe ich absolutes Glück verspürt, das nichts passiert.

Gibt es eine unendliche Liebe? 
Zu bestimmten Zeiten trifft man bestimmte Menschen, die für die Entwicklung wichtig sind und das kann schmerzhaft oder schön sein. Darauf habe ich immer vertraut. Es gab bei mir aber auch drei große Lieben, eine davon jetzt gerade. Die kommt mir unendlich vor und ich denke, dass ich mit dieser Frau zusammen bleiben will, bis ich sterbe. Das hatte ich so noch nie.

Hebt Liebe die Angst vor dem Tod ein Stück weit auf?
Man hat weniger Angst, wenn man mit jemandem liebend verbunden ist, weil es einen schützt, wenn man jemandem vertraut. Aber dann hat man aus einem anderen Grund Angst, zu sterben. Nicht wegen einem selbst, aber weil man mit demjenigen noch so viel erleben möchte.

Der Todestag Ihres Ehemannes war an einem 30. Dezember vor fast 20 Jahren. Was tun Sie an diesem Tag für gewöhnlich?
In den letzten Jahren war ich immer den ganzen Dezember depressiv. Das ist so eine Erfahrung, die man im Körper speichert und all die Jahre war Silvester darum kein Thema mehr für mich. Das Knallen der Böller schon am 30. Dezember fand ich so furchtbar, als ich es im Krankenhaus gehört habe. Ich verbinde das jetzt immer damit. Oft habe ich mich nur früh ins Bett gelegt, einen Joint geraucht oder eine Schlaftablette genommen. Dieses Jahr habe ich aber den Entschluss gefasst, mit meiner Freundin nach Venedig zu fahren. Ein Ort, der nichts damit zu tun hat.

Wollten Sie nie aus Ihrer gemeinsamen Wohnung ausziehen, nachdem ihr Mann gestorben war?
Das habe ich mir jedes Jahr vorgenommen. Aber ich habe es nie gemacht. Ich war ja schon vor ihm hier, er ist bei mir eingezogen. Hier ist mein Studio, mein Schnittplatz. Mein zweiter Pelz.

Wie sind Sie mit diesen Räumen nach dem Tod ihres Mannes umgegangen? 
Ich habe fast alle seine Sachen weggeschmissen. Die Brille und die Lederjacke habe ich behalten, das hat unsere gemeinsame Tochter Anna. Und den Zigarrenschneider. Das ganze Zeug vom Schluss, den Infusionsständer, habe ich nicht mal ins Krankenhaus zurückgebracht. Als er starb, habe ich einem guten Freund gesagt: Bitte schmeiß alles weg. Die Leute aus dem Haus haben mir erzählt, wie er unter Tränen die Treppen runter ist und alles in die Tonne geworfen hat.

Wie ist es mit Gerüchen? Man kennt Heiner Müller immer mit Zigarre im Mund. Erinnert Sie Rauch an ihn?
Ja, auf eine wohlige Art. Man verabschiedet sich aber auch vom Körper, der ist eine Zeitlang noch so seltsam anwesend: Er hatte ganz kleine Füße, Größe 38, und ich habe immer noch seine Schritte gehört, wie er die Treppe rauf kam und die Türe aufschloss.

Träumen Sie noch von ihm?
Ich habe oft von ihm geträumt, das war oft schrecklich, manchmal aber auch toll. Ich bin ihm begegnet und ich habe seinen Blick gesucht, aber wir konnten uns nicht ansehen. Einmal haben wir uns in Regensburg auf einem Platz in der Innenstadt getroffen, da haben wir uns das erste mal angeschaut und dann haben die Träume aufgehört.

Der Tod ist ein Irrtum. Diesen Satz von Heiner Müller haben Sie ihrem gleichnamigen Buch vorausgestellt. Wie hat er ihn gemeint?
Ich glaube, dass der Satz noch an seine Ex-Freundin Inge gerichtet war, die sich umgebracht hat. Er hat mir atmosphärisch gefallen und ich habe die Angst vor der Vergänglichkeit aufgegriffen. Der Tod ist natürlich etwas Definitives, weil der Körper nicht mehr da ist. Andererseits lebt man über die Erinnerung weiter und im Fall von Heiner über die Bücher.

Sie haben ihn auch als Leichnam fotografiert?
Alexander Kluge hat zu mir gesagt, ich muss ihn noch mal fotografieren, als er schon tot war, wegen seinem Gefühl für Geschichte. Wir haben auch eine Totenmaske gemacht, die ich dann an die Akademie gegeben habe. Als die Seele gegangen war, war nur noch der Körper, Heiner war für mich nicht mehr drin. Ich fand das unnötig.

Nervt Sie die Rolle der Witwe? 
Der Begriff hat in Deutschland anders als in Frankreich auch einen negativen Klang. Und plötzlich sind die Leute nicht mehr so freundlich zu einem, weil man nicht mehr wichtig ist. Ich musste zum Beispiel mit den Verlagen verhandeln, die mich teilweise für naiv hielten. Als ich kurz nach seinem Tod den Verlag gewechselt habe, gab es viele Anfeindungen. Aber man darf sich nicht die schlechten Gefühle der Anderen anziehen, darum lasse ich es abprallen. Es ist auch so: Es sind mir nicht gerade Nachteile dadurch entstanden, dass ich mit Heiner verheiratet war. Mehr geht nicht, als mit einem solchen Mann verheiratet gewesen zu sein. Es war eine tolle Zeit, er hat mich bedingungslos geliebt, wir haben ein Kind zusammen.

Sie kommen aus Regensburg, einer sehr katholischen Stadt in Bayern. Ihr neuer Film ist eine Adaption des Neuen Testaments. Im Christentum ist der Tod immer auch mit der Hoffnung auf ein Fortleben verbunden. Wie stehen Sie dazu?
Leben nach dem Tod, daran glaube ich schon. Nicht vernunftmäßig, sondern fast pragmatisch. Meine erste Konfrontation mit dem Sterben war, als ich acht war und mein Vater bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Das war ein unglaublicher Schock und die ganze Familie ist daran zerbrochen. Wenn man da an nichts glaubt, was noch käme, würde das Sterben und Verabschieden noch schwerer fallen.

Ich habe gelesen, dass er sich umgebracht hat. 
Mein Vater war Ingenieur, der sich aber bei der Post als Beamter verdingt hat. Das war sein ganzes Elend. Er war depressiv, ist zum Hausarzt, der ihm Schlaftabletten gegeben hat. Davon war er immer sehr müde und er hat Aufputschmittel verschrieben bekommen. Dann war er irgendwann tablettensüchtig und verfiel zunehmend. Wir sind samstags immer auf eine Brachfläche gefahren, auf der Züge standen und repariert wurden und haben den alten Ford gewaschen. An dem einen Samstag hat er mich nicht aufgeweckt, ich kam aus dem Kinderzimmer und sah ihn mit diesen wirren Augen an der Tür stehen … das habe ich später noch öfter gesehen, dass die Leute den Tod schon in den Augen haben. Meine Mutter hat noch versucht, ihn zurückzuhalten. Er hat sich losgerissen und ist mit dem Auto ungebremst gegen eine Mauer gefahren. Über dieser Brücke wohnte sein Vater.

Was meinen Sie damit, dass jemand den Tod schon in den Augen hat? 
Der Blick ist gläsern; sie sind irgendwie nicht mehr anwesend. Sie fliegen schon irgendwie.

Sie meinten, sie hätten das noch öfter gesehen. Bei wem?
Beim Dichter Thomas Brasch. Er hatte auch schon so einen Blick. Und Anna hatte eine Tagesmutter, deren Großmutter hatte es auch in den Augen, als sie krank war.

Woher kommt das? 
Es ist eine Auflösungserscheinung. Eine Übergangszeit, wenn die Seele schon raus will. Der Körper lebt gerade noch. Dann geht die Seele und er ist ein Stück Fleisch, mehr nicht mehr. Der entscheidende Moment ist, wenn die Seele geht.

Der Unterschied zwischen der kranken alten Frau und Ihrem Vater war, dass er sich das Leben genommen hat, und nicht vom Tod als Krankheit heimgesucht wurde.
Depression ist eine schwere Krankheit. Wenn jemand so weit ist, dass er nicht mehr leben will, obwohl er Kinder und eine Frau hat, geht man nicht einfach so, sondern muss wirklich schon gar keine Kraft mehr haben. Gar keine.

Welche Konsequenzen haben Sie aus der Auseinandersetzung mit dem Tod gezogen?
Man sollte nicht ständig Schuldgefühle haben und sich zu lange mit Sachen rumplagen. Man soll nach dem Leben greifen. Je älter ich werde, desto mehr denke ich das. Füllen mit Sinn und Sinnlichkeit, Lebendigkeit und Intensität als Gegenpol zum Tod.

Lohnt es sich, für etwas zu sterben?
Ja, für die Freiheit.

Info: Brigitte Maria Mayer, 1965 geboren, studierte in den 80er-Jahren Kunst in Kassel und arbeitet heute als Fotografin, Filmemacherin und Performance-Künstlerin in Berlin. Sie ist die Nachlassverwalterin des Werkes von Heiner Müller, ihrem verstorbenen Ehemann, einem der bedeutendsten deutschen Dramatiker. Im Frühjahr gibt sie bei Suhrkamp ein Buch mit Texten zum Kapitalismus heraus.

Interview: Maja Hoock
Fotos: Brigitte Maria Mayer

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 15

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