Talent: Ricarda Messner

vor 2 Jahren

Heute Abend wird im Neu West Berlin die sechste Ausgabe des Flaneur-Magazins eingeführt. Fräulein-Redakteurin Alicja Schindler traf die 26-jährige selbständige Verlegerin Ricarda Messner zum Interview.

Ricarda öffnet die Tür in einem grauen Sweatshirt und in Jogginghose. Dann kocht sie Tee und bietet Butterkekse an. Der Tee heißt „Perfect Day“. Als sie die Aufschrift liest, lacht sie.

Mit ihren 26 Jahren hat Ricarda Messner bereits einen Verlag gegründet und zwei Magazine herausgebracht: 2013 erscheint Flaneur, ein Jahr später gründet sie den Verlag editionmessner, im Sommer diesen Jahres wurde SOFA veröffentlicht. Das Interview Magazin nennt Ricarda „Verfechterin des Prints“. Sie ist zu einer der Forbes 30 under 30 gewählt worden – und gehört damit zur Liga der smarten, erfolgreichen Jung-Gründer. Ich treffe Ricarda in ihrem Zuhause in Charlottenburg.

Spricht man Ricarda auf ihre Erfolge an, lautet die Antwort prompt: „Ich hab’ halt ein kleines Gewerbe.“ Der Verlag ist für Ricarda schlicht die erforderliche Struktur, um neue Ideen umzusetzen. Nichts, was sie sich ans Klingelschild schreibt. Ein Büro gibt es nicht. Sie arbeitet zuhause an ihrem Glastisch, ist unterwegs oder macht mit den Gast-Autoren die Hefte per Mail klar. Eine junge Frau, die analog arbeitet mit echtem Papier – das war vielen Medien so fremd, dass sie gleich ausführlich darüber berichteten. Tatsache ist, dass Ricarda nach einer Möglichkeit gesucht hat, Betrachtungen wie Texte, Musikstücke, Fragmente und Fotos zu sammeln und zu veröffentlichen. Flaneur sollte eine Publikation werden, in der pro Ausgabe eine Straße literarisch-künstlerisch porträtiert wird. Da war Papier nicht die schlechteste Lösung.

Das, was für Ricarda entscheidend ist, sind Inhalt und Konzept. Nicht das Ziel, ein Magazin zu machen. Deshalb würde sie sich selbst auch nicht als „Verfechterin des Prints“ beschreiben. Ob digital, analog – oder ganz anders – hängt von der individuellen Idee ab. Wenn sie die hat, dann sagt ihr ihr Bauchgefühl ob sie funktioniert oder nicht. „Und wenn ich dieses Gespür bisher hatte, dann ging’s immer ganz schnell.“, sagt sie und schaut dabei ganz verschmitzt. Das schwarze Sofa auf dem sie dabei im Schneidersitz sitzt, stand schon einmal in dieser Wohnung. Bis zu ihrem ersten Lebensjahr wohnte sie zusammen mit ihrer Mutter genau hier. Ihre Großeltern leben seit 26 Jahren nebenan. Den Vermieter hat sie mit Kinderfotos und Sentimentalität „bestochen“. Jetzt thront ihre rosafarbene Flamingo-Salatplatte an der Stelle auf der Anrichte, wo früher ihre Babywiege stand.

Ihre Mutter stammt ursprünglich aus Riga in Lettland, ihr Vater kommt aus dem Süden Deutschlands. In den 80er Jahren zogen sie nach Berlin. Bis 2011 studiert Ricarda Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste, danach verlässt sie ihre Heimatstadt Berlin und zieht nach New York. Kurze Zeit später kehrt sie zurück. Zu einer Zeit in der Massen euphorisch ihre Umzugskartons in die Hauptstadt bringen, kommt Ricarda zurück dorthin und fragt sich: „Was seht ihr hier alle, was ich nicht sehe?“ Sie beginnt durch die Straßen zu gehen, Fotos zu machen und versucht, ihren Kiez wie eine Fremde das erste Mal wahrzunehmen: „Ich wollte mich mit Berlin versöhnen.“ Kurz darauf hat sie die Idee für Flaneur. Für die erste Ausgabe Kantstraße bat sie einen befreundeten Musiker darum, die Straße in Charlottenburg zu „hören“. Der erste Teil für das neue Magazin stand damit fest.

Wenn Ricarda spricht, fühlt es sich an, als könnte jedes ihrer Worte sofort Wirklichkeit werden. Bei ihr scheint es zwischen Denken und Handeln, Theorie und Praxis, nichts als einen fließenden Übergang zu geben. Ob sie schon mal ein Praktikum in einem Verlag gemacht hat? Nein. Vermutlich hat sie dafür auch einfach zu viele Träume und zu viel Tatendrang. Publishing Dreams steht auf der Webseite unter dem Namen ihres Verlags. Und drei Jahre auf die erste Ausgabe von Flaneur folgt tatsächlich schon ihr zweiter Magazin-Traum mit dem Titel SOFA. „24 Stunden habe ich mich nur mit Flaneur beschäftigt. Das ist so wie ein Kind. Dann dachte ich mir irgendwann: Du bist zwar ganz hübsch – aber du nervst auch ein bisschen. Und deshalb wollte ich noch ein Kind.“

Und das sieht tatsächlich ganz anders aus als das erste. Trashig und ein bisschen wie die Bravo. SOFA soll Massenmedium sein, aber inhaltlich überzeugen. Themen aus der elitär wirkenden Kunstwelt sowie aktuelle Gesellschaftsthemen werden wie im lockeren Zwiegespräch auf dem Sofa besprochen. Jede Meinung zählt. „Wir wollten damit eine emphatischere Zone kreieren.“ Speziell an der Idee ist, dass Ricarda durchaus die Möglichkeit sieht, mit kommerziell orientierten Kunden zusammenarbeiten. Während Flaneur hauptsächlich von Kulturorganisationen unterstützt wird, soll Sofa ein Versuch sein, Brücken zu schlagen und mit dieser Idee eine Leerstelle zu füllen: Guten und intelligenten Inhalt, der noch nicht massentauglich ist, massentauglich zu publizieren.

Flaneur Issue 06 Moscow x Berlin Launch: Kurfürstenstraße 145
Einlass: 20 Uhr | 
Diskussion: 21.30 Uhr | Party: 23 Uhr

Beitrag: Alicja Schindler

Kultur

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