Der Körper: Margaret Cho

vor 3 Jahren

Schönheit ist eine Entscheidung.

Margaret Cho, US-Comedian mit koreanischen Wurzeln, lernte ihren inzwischen über und über tätowierten Körper entgegen aller gängigen Normen zu lieben – und hat so eine ganze Generation junger Frauen inspiriert.

Sie haben geschrieben, Sie hätten akzeptiert, dass ich so aussehe, wie ich aussehe. Was genau meinen Sie damit?
Ich glaube einfach, dass unsere Zufriedenheit viel zu oft davon abhängt, was wir im Spiegel sehen. Wir machen Dinge viel zu oft davon abhängig, ob unser Gewicht so ist, wie wir es haben wollen: ob wir uns etwas Schönes zum Anziehen kaufen, ob wir uns schmücken und unseren Körper feiern.. Ich habe früher oft Sachen gekauft, die mir zu klein waren, mit dem Ziel, irgendwann reinzupassen. Diese Denkweise bedeutet, dass wir uns konstant in einem Zustand des Wartens befinden. Wir schieben das Glück auf, wir sparen es für eine Zukunft auf, die vielleicht niemals kommt. Und daher habe ich irgendwann entschieden, einfach zufrieden zu sein mit dem, was ich bin, was ich im Spiegel sehe. Generell mehr im Moment zu leben.

Gehört das nicht zum Schwierigsten überhaupt, so eine Einstellung zu verändern? Einfach zu sagen: Jetzt bin ich zufrieden?
Es ist nicht so schwer wie man glaubt – und es ist vor allem sehr befreiend. Ich glaube allerdings schon, dass es auch mit dem Alter zu tun hat. Ich bin jetzt 47 Jahre alt. Irgendwann fühlt man sich einfach nicht mehr angesprochen von der Darstellung der Frau in den Medien, in der Werbung, in der Kultur. Diese hormonellen Veränderungen haben auch was Gutes.

Es wird einem egal, wie man aussieht.
(lacht) Ja, und das ist wunderschön!

Wenn Sie also heute in den Spiegel schauen, was denken Sie?
Ich denke: ist okay. Natürlich gibt es Dinge, die besser sein könnten. Aber in den meisten Fällen bin ich einfach nicht bereit, das zu tun, was ich tun müsste, damit sie besser wären. Zum Beispiel diese berühmten letzten fünf Kilo, die man loswerden müsste, damit man wirklich happy ist: Die sind der Horror! Da ziehe ich bei mir die Grenze: ich bin nicht bereit, Hunger zu haben. Diese fünf Kilo machen keinen Unterschied. Bei niemandem.

Machen Sie Sport?
Ich liebe Yoga, aber das mache ich nur, damit ich keine Schmerzen habe. Da geht es nicht um Fitness.

Was ist Ihr liebstes Körperteil?
Ich mag meine Beine. Sie sind stark. Generell mag ich, dass ich einen starken Körper habe.

Welchen Teil mögen Sie am wenigsten?

Meine Zehen, meine Füße. Sie sind so trocken! Pediküren bringen bei mir einfach nichts. Nur zwei Stunden später sieht alles wieder ganz schrecklich aus.

Meine Füßeantworten auch fast immer Models auf diese Frage.
Wahrscheinlich weil sie immer High Heels tragen. Weil die Füße einfach schmerzen. Mode hat viel mit Leid zu tun. Wann immer es möglich ist, vermeide ich es, hohe Absätze zu tragen, weil ich auf ihnen nicht gut gehen kann.

Immer, wenn ich High Heels trage, fühle ich mich im Wortsinne behindert. Und Sie?
Total! Aber es gibt auch viele, die es empowering finden. Ich nicht. Ich mag generell allzu feminine Sachen nicht an mir, sei es viel Make-up, enge Kleider oder krasse Frisuren.

Mögen Sie Ihre Brüste?

Sie sind recht groß. Als ich noch jünger war, haben sie eine Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen, was manchmal dazu geführt hat, dass man mir nicht mehr zugehört hat. Deshalb trage ich immer einen BH, der sie kleiner macht. Und auch, damit ich keine Rückenschmerzen kriege.

Wie finden Sie Ihren Bauch?
Den mag ich. Er ist volltätowiert und weich. Daran habe ich lange gearbeitet, als ich Bauchtänzerin war: Mich sicher zu fühlen, wenn er sichtbar ist. Obwohl er kein Sixpack ist. Aber ich glaube, es ist einfach natürlicher, etwas Fett am Bauch zu haben.

Wie ist es, in L.A. zu leben, wo so viele Menschen absurd fit sind?
Es ist komisch. Die leben auf einem anderen Planeten als ich. Sie verzichten ständig, auf bestimmte Nahrungsmittel, auf Alkohol, auf alles, was mir Spaß macht.

Fühlen Sie sich nicht faul, wenn Sie diese Menschen anschauen?
Oh, absolut!

Nicht dass ich denke, Sie hätten es nötig: Aber haben Sie schon mal über Schönheitsoperationen nachgedacht? Nicht dass ich denke, Sie hätten es nötig.
Natürlich, man kann heute ja so vieles machen. Aber ich habe viele Ängste, was Kontrollverlust angeht. Und seit meine liebe Freundin Joan Rivers 2014 an einer Narkose starb, habe ich echt Panik. Und das ist ja alles sehr schmerzhaft, Botox und so. Und man sieht es immer, wenn jemand was gemacht hat. Ist nicht so meins.

Und dabei gehören Sie mit Ihren koreanischen Wurzeln zu jener Nation, die weltweit die meisten Schönheitsoperationen vornehmen lässt!
Ich weiß! Und sie streben alle das gleiche Aussehen an. Koreanische Gesichter sind von Natur aus eher flächig und rund, und deshalb lassen sich alle die Kieferknochen zurechtschleifen, damit das Gesicht schmaler wird. Oder dann lassen sie sich ein zweites Augenlid machen. Sie sehen inzwischen alle gleich aus, es ist seltsam.

Was hat es denn auf sich mit dem koreanischen Schönheitshype?
Ich denke, es sind mehrere Gründe. Korea ist ein klassisches Patriarchat, Frauen haben schön und jung und nett zu sein. Außerdem werden neue Technologien sehr schnell angenommen. Und das ergibt eine üble Mischung. Die Art, wie dort online über den Körper und das Aussehen von bekannten Frauen gesprochen wird, ist wirklich beunruhigend. Sehr hart, sehr gemein. Alle Frauen in meiner Familie waren irgendwann mal im Krankenhaus wegen Anorexie. In unserer Kultur gibt es einen großen Druck zu genügen: Fitness, Schönheit, Erfolg. Wer nicht genügt, wird fertiggemacht. Und in der Folge hat Korea auch eine der höchsten Selbstmordraten der Welt.

Etwas haben Sie aber doch machen lassen: Für Ihre Sendung The Cho Show hatten Sie sich den Anus bleichen.
Ja, stimmt! Aber anal bleaching ist keine einmalige Sache. Man muss sich dieses Zeug dauernd draufschmieren, 50 Tage lang oder so. Und dafür bin ich zu faul. Ich schaffe es ja nicht mal, Sonnencreme aufzutragen.

Und Sie haben sich den G-Punkt aufspritzen lassen! Wie war das denn so?
Schrecklich. Zuerst wird Novocain gespritzt zur Betäubung, dann kommt ein Collagen-Depot hinter den G-Punkt. Es tut furchtbar weh. Und vor allem funktioniert es nicht. Es fühlt sich nur an, als ob man eine vier Monate dauernde Blasenentzündung hätte.

Und dabei kennen Sie sich aus mit Schmerzen. Sie sind großflächig tätowiert. Das tut ja auch weh.
Sehr! Am schlimmsten ist es hinter den Knien. Und die Rippen, da verlaufen die Schlangenhaare der Medusa auf dem Brustbein. Und der Bauch, die riesige Blüte dort. Schrecklich.

Sie wurden vergewaltigt, darüber sprechen Sie sehr offen. Wie geht man mit diesem Schmerz um?
Durch Abspaltung. Ich habe meinen Körper verlassen. Was vor allem nachher schwierig ist, wenn man alle Sinne wieder beieinander braucht.

Später in Ihrem Leben waren sie Sexarbeiterin und Stripperin. Und Sie beschreiben diese Phasen ihres Lebens als empowering. Können Sie das etwas näher erklären, gerade in Hinblick auf den vorherigen Missbrauch?
Nichts, was ich als sex worker erlebt habe, war auch nur annähernd so schlimm wie als Kind die Vergewaltigungen durch meinen Onkel. Die hat also vielleicht ein Gefühl des „Mir kann nichts mehr passieren, das Übelste hab ich hinter mir“ ausgelöst. Und es war befriedigend, allein mit meiner Sexualität Geld zu verdienen, finanziell unabhängig zu werden.

Wenn Sie eine Tochter hätten und Sie müssten entscheiden, ob das Kind schön oder lustig werden soll – was würden Sie wählen?
Ich glaube, ihr Leben wäre besser, wenn sie lustig wäre. Denn das bleibt. Was auch immer als hübsch empfunden wird, ändert sich ständig. Und Schönheit ist eine Entscheidung. Jeder kann schön sein, wenn sie oder er will.

Ende April erschien Margaret Chos neues Album American Myth bei ihrem eigenen Label Clownery.

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Ausgabe 2/2016.

Text: Michèle Roten
Foto: Mary Taylor

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