Die Sache mit dem Rassismus

vor 1 Monat

Für die einen ist es eine Herzensangelegenheit, für die anderen ein unangenehmes Thema oder gar irrelevant. Für mich ist es persönlich. Eines der wichtigsten Themen überhaupt, denn es regelt unser Miteinander. Dies ist ein offener Brief zum Thema Rassismus.

 

Egal ob in der Schule, im Beruf, auf offener Straße oder im Freundeskreis. Und ja, gelegentlich auch innerhalb der eigenen Familie. Seit meiner Kindheit bin ich gezwungen, mich regelmäßig mit Rassismus auseinanderzusetzen. Geboren wurde ich in Frankfurt am Main, ging hier in Deutschland zur Schule, studierte und arbeite hier. Trotzdem betonte mein Vater immer wieder, ich solle mich darauf einstellen, im Leben härter arbeiten zu müssen, als die meisten um mich herum. Ein beachtlicher Teil meines Umfeldes ist deutsch. Im Gegensatz zu mir, deutsch und weiß.

Vor einigen Wochen entfachte unter #metwo die große deutsche Rassismus-Debatte und es schien, als seien einige sehr überrascht über die Erfahrungen, die unter diesem Hashtag geteilt wurden. Mich hingegen überraschte es, dass dieses Thema für viele erst hierdurch real zu werden schien. Wie kann ein offensichtlich so essentielles Thema erst jetzt öffentliche Aufmerksamkeit erregen?

Ich hatte in meinem Leben bisher das große Glück, so gut wie immer von weltoffenen Menschen umgeben gewesen zu sein und zähle, wie dieser offene Brief zeigt, zu dem Teil der Bevölkerung, der sich Gehör verschaffen kann. Ich befinde mich, ähnlich wie viele Twitter-Nutzer, die ihre Erfahrungen unter #metwo teilten, in einer privilegierten Situation. Laut einer Umfrage aus 2017 haben knapp zwei Drittel der Twitter-User Abitur oder gar einen Hochschulabschluss. Die #metwo-Debatte spiegelt demnach zwar nicht die ganzheitliche Problematik wider, ermöglicht aber zumindest einen kleinen Einblick für diejenigen, die sich in der Regel nicht mit (Alltags-)Rassismus auseinandersetzen.

,,Liebe Frau M., ich glaube, dass Sie mich nicht mögen, weil ich braun bin.", schrieb ich mit sieben Jahren.

Rassismus und Diskriminierung sind in unserer Gesellschaft tief verankert und kursieren nicht nur innerhalb der AfD. Die wenigsten von uns können sich von solchen Denkmustern und Verhaltensweisen freisprechen. Bereits in der zweiten Klasse schrieb ich einen Brief an meine Klassenlehrerin, weil ich den Eindruck hatte, sie behandle mich anders als meine Mitschüler*Innen. ,,Liebe Frau M., ich glaube, dass Sie mich nicht mögen, weil ich braun bin.“, schrieb ich mit sieben Jahren.

Mit elf Jahren wurde ich auf offener Straße von einem erwachsenen Mann als ,,Drecksneger“ beschimpft. In der U-Bahn wurde ich von einer Fremden gefragt, ob ich noch Kontakt zu meinem Vater habe, „die gehen doch immer alle zurück nach Afrika“. Und auch heute noch wird mir ungefragt in die Haare gegriffen oder die Frage gestellt, woher ich denn nun wirklich komme.

Zwei halbe Plätze sozusagen. Das ist es, was #metwo ausdrückt: Den Spagat zwischen zwei Identitäten, zwei Kulturen, zwei Heimaten.

Es ist das Gefühl, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite vollends akzeptiert zu werden. Für die einen ist man „gar nicht so richtig Schwarz“, weil ein großer Teil des Umfeldes weiß ist – als sei das ein Kompliment. Für die anderen ist man ein „white girl“, weil man nicht singen kann – als sei das ein angeborenes Erkennungsmerkmal. Man versucht sich die Haare zu glätten (um sich der einen Seite anzupassen), doch der erste Regenschauer enttarnt einen. Man versucht seinen Afro richtig zu pflegen und zu stylen (um sich der anderen Seite anzupassen), doch es fehlt in diesem weißen Umfeld an Vorbildern, die Ahnung von Afro-Haar haben. Man versucht irgendwo seinen Platz finden, doch den scheint es auf keiner der beiden Seiten zu geben. Vielleicht aber auch einfach, weil auf beiden Seiten Platz für einen ist. Zwei halbe Plätze sozusagen. Das ist es, was #metwo ausdrückt: Den Spagat zwischen zwei Identitäten, zwei Kulturen, zwei Heimaten. Es ist eine lange und anstrengende Suche nach dem ganz persönlichen Zugehörigkeitsgefühl, die frustrierend, aber auch sehr bereichernd ist. Und genau deswegen möchte ich diese Suche keinesfalls missen.

Letztlich geht es bei dieser ganzen Diskussion nicht darum, ob die interessierte Eingangsfrage nach der Herkunft nun böse gemeint ist, oder nicht. Auch nicht darum, wie gravierend eine bestimmte Erfahrung mit Rassismus war. Es geht nicht darum, dass Nichtbetroffene nachvollziehen müssen, dass sich People of Color diskriminiert fühlen. Wie sollten sie dazu auch in der Lage sein? Rassismus ist ein Luxusproblem für Weiße. Sie sind privilegiert, sie genießen gewisse Vorrechte allein aufgrund ihres Aussehens. Sie sind nicht diejenigen, die wegen ihres Aussehens länger eine Wohnung suchen. Sie sind nicht diejenigen, die wegen ihres Nachnamens den Job nicht bekommen. Sie sind von Rassismus nicht betroffen und müssen sich hiermit nicht zwingend befassen, wenn sie es nicht möchten. Ziel dieser ganzen Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus soll sein, subjektive Erfahrungswerte auszutauschen und offen zu sein für das Empfinden der betroffenen Person. Darum, für dieses Thema sensibilisiert zu werden und zu sensibilisieren.

Insbesondere in Anbetracht unserer Historie haben wir noch einen sehr langen Weg vor uns. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir dem derzeitigen Klima in Europa (und gefühlt weltweit) trotzen können, solange wir solidarisch sind und den Diskurs aufrecht erhalten. Wenngleich #metwo nur an der Oberfläche kratzt, so hat es das Thema Rassismus mittlerweile zumindest in den öffentlichen Raum geschafft. Nun gilt es dieses Bewusstsein auch im Alltag umzusetzen und für mehr Diversität zu sorgen. Wie wäre es zum Beispiel mit mehr medialer Präsenz für People of Color und einem verpflichtenden anonymisierten Bewerbungsverfahren? Darf ich mir das noch nachträglich zum Geburtstag wünschen?

 

 

Beitrag: Penelope Dützmann

Bild: Autumn Goodman via Unsplash

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