Fimtipp: Capernaum – Stadt der Hoffnung

vor 4 Monaten

Ein Film aus dem wir eine Lehre ziehen, die Leere hinterlässt.

Kennt ihr das Gefühl einen Roman zu beenden und nichts als innere Leere zu empfinden? Weder glücklich noch traurig, weder nachdenklich noch teilnahmslos, einfach leer. Bei Büchern habe ich das häufig, bei Filmen hingegen eher selten. Als Kind war ich beeindruckt von der Welt des jungen Zauberers Harry Potter. Walt-Disney konnte mich verzaubern und auch Meisterwerke wie „Der Herr der Diebe“ ließen mich glücklich in die Kinosessel sinken. Danach spürte ich oft eine aufregende, manchmal träumerische Glückseligkeit. Heute ist das etwas anders. Meistens bin ich von Kinofilmen enttäuscht. Mehr als eine Zufriedenheit erfüllt mich selten. Zwei Tage später ist der Nachklang bereits vergessen.
Die letzten Filme, die deutlich mehr als das hinterließen waren vermutlich Female Pleasure oder Human Flow. Ähnliche Fassungslosigkeit überfiel mich auch bei der Geschichte des kleinen Zains.

Ich rede gerne und viel. Ich habe das Bedürfnis meine Eindrücke zu teilen, mich auszutauschen und vor allem wahrgenommene Ungerechtigkeiten in die Welt hinaus zu schreien. Manchmal fühlt es sich an, als wäre es meine alleinige Aufgabe das Unglück anderer zu teilen. Oft tue ich dann so, als sei ich eine der wenigen, die darauf aufmerksam wurde. Das ist natürlich absoluter Schwachsinn und, dass ich mich dabei viel zu wichtig nehme, ist mir sehr wohl bewusst.

Bei „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ erging es mir allerdings anders. Schweigend blieben wir vor dem Eingang des Kinogebäudes stehen und beobachteten den Rauch unserer Zigaretten, der sich mit dem leichten Nebel, der über dem Abendhimmel lag, vermischte und in der Dunkelheit verschwand. Sprechen wollten wir nicht. Es fühlte sich an, als hätten wir das Sprechen verlernt. Zu wenig Kraft in unserem Vokabular.

Zain, ein vermutlich zwölf-jähriger Junge – sein Alter bleibt unbekannt; er verfügt weder über Papiere noch können die Eltern eine genaue Altersangabe machen – betritt den Gerichtssaal. Dort steht er und erhebt Klage gegen seine Eltern. Sie haben ihn geboren, geboren in eine Welt, wo es keinen Raum, keine Liebe und keine Zukunft für ein Kind gibt. In den nächsten rund zweieinhalb Stunden begleiten wir Zain durch sein Leben. Wir sehen ihn zusammengedrängt mit seinen Geschwistern in einer kleinen Wohnung, bei der Arbeit und bei seinem Versuch, seine Schwester vor einer Zwangsheirat zu retten. Dabei lernen wir den Jungen kennen. Wir erfahren von seiner tiefgreifenden Liebe, die er seiner Schwester gegenüber empfindet, von seinem Wunsch in die Schule gehen zu dürfen und vor allem lernen wir eine Welt kennen, in der Kinder niemals die Chance haben einfach Kind zu sein.
Zain flüchtet vor seinem Elend und findet Unterschlupf bei einer jungen Mutter aus Äthiopien. Später, mittellos und allein verantwortlich für ein Baby, kämpft sich Zain durch die Slums bis seine Geschichte endet. An der Stelle, wo der Film beginnt.

Mit dem Meisterwerk verwischt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki Realität und Fiktion. Viele der Handlungen beruhen auf wahren Begebenheiten und Zain ist kein Schauspieler, sondern ein Junge, der sich selbst spielt. Rund 500 Stunden Drehmaterial und mehr als sechs Jahre Produktionsarbeit hängen an diesem Werk, der mehr Sozialkritik als Spielfilm ist. Dabei ist die Regisseurin tief in das Leben der in Armenvierteln und Slums von Beirut lebenden Menschen vorgedrungen. Sie sprach mit vielen Kindern und Eltern.
Sie selbst lernte ihre privilegierte Position abzulegen und auch Verständnis für Eltern aufzubringen, die ihre Kinder, oft nicht älter als zwei oder drei, alleine in ihren Wohnungen zurücklassen.
Nicht die Eltern sind schuld, sie selbst sind Opfer des Systems, erklärt die Regisseurin in einem Interview. Nicht sie, wie es der Film zeigt, sind die Angeklagten. Vor Gericht stehen wir, die die Augen vor der Realität verschließen.

„Mein Film ist eine Anklage gegen ein ganzes System, das Kinder an den Rand der Gesellschaft drängt. Wir tun so, als würden wir es nicht sehen, die Gewalt, die Misshandlungen, die Vernachlässigung. Indem wir das alles zulassen, begehen wir aber ein großes Verbrechen.“

Der Begriff „Capernaum“ entstammt dem Hebräischen und bezeichnet eine ungeordnete Ansammlung von Objekten, einen Ort voller Chaos. Konfrontiert von Armut und Ungerechtigkeit, die fern ab von jeglicher Menschenwürde ist, erschafft Nadine Labaki Bilder, die mitreißen und bis in die Säle deutscher Kinos spürbar sind. Die Geschichte von Zain hinterlässt eine Leere, die mächtiger ist als Fassungslosigkeit, Mitgefühl und Trauer.

Seit dem 17. Januar in deutschen Kino, wird er bereits im Juni diesen Jahres auf DVD und Blu-ray verfügbar sein. Wer es noch schafft, sollte sich einen Kinobesuch jedoch nicht entgehen lassen.

Text: Teresa Löckmann
Bild & Video: PR

 

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