Im Interview: Niklas van Schwarzdorn

vor 3 Wochen

Der Gründer und Creative Director des Hart Magazins erzählt aus seinem ganz privaten Leben.

Im Eingangsbereich erwartet uns ein Kleiderständer mit Jacken und Mänteln, die die Herzen von ModeliebhaberInnen höher schlagen lässt, daneben ordentlich aneinander gereihte Schuhe, die an Geschmack und Exklusivität nichts nachzustehen haben, in einem alten Sekretär Sonnenbrillen, von Dior, Gucci und Versace und an der Wand erstreckt sich eine eindrucksvolle Galerie der schönsten Fotografien. Alles scheint seinen Platz zu haben, alles ist perfekt sortiert, Millimeter genau abgestimmt und dennoch: wir kommen rein und fühlen uns wohl.

Niklas van Schwarzdorn, Creative Director des LGBTQIA*-Magazins HART erwartet uns schon. Warmherzig werden wir begrüßt. Mit nahezu kindlicher Aufregung werden wir durch die gut 90 Quadratmeter große Wohnung geführt. Mitbewohnerin Sophia ist auch da, und empfängt uns ebenso herzlich.

Niklas van Schwarzdorn, 24-jähriger Fotograf und Künstler, Drag-Performer, Creative-Director und Gründer des Hart-Magazins erzählt uns von seinem ganz privaten Leben: seiner Jugend, seinem ersten Jahr in Berlin, seiner Sexualität und seiner Familie.

 

Fräulein: Niklas, du lebst nun seit knapp fünf Jahren in Berlin. Wie und wo wohnst du hier?

Niklas: Ich bin vor knapp fünf Jahren in Berlin angekommen. In dieser Wohnung in Schöneberg wohne ich nun seit gut zwei Jahren. Unsere ‚Penthouse-Wohnung’ – wie ich sie liebevoll nenne – liegt im vierten Stock auf 92 qm. Hier lebe ich mit meinem Mann und mit unserer Mitbewohnerin Sofa. Die Wohnung war wahnsinnig unrenoviert als wir hier eingezogen sind. Die Heizung funktioniert teilweise immer noch nicht, die Fenster sind undicht – eine typische Altbauwohnung. Im Sommer ist es irgendwie sehr herrlich und im Winter ist es wahnsinnig kalt. Sehr vieles unserer Einrichtung haben wir gefunden. In unserem Haus gab es mal eine Wohnung die acht Jahre lang unbewohnt, aber voll-möbiliert war. Die Person die darin gelebt hat ist wohl nach Asien geflüchtet. Es war wie eine Zeitkapsel die man betrat. Inmitten von Mief – die Fenster wurden jahrelang nicht geöffnet – haben wir die schönsten Gegenstände gefunden. Man hat sogar zurückverfolgen können, wann und wie diese Person verschwunden ist. Wir haben Flugtickets und Buchungsbestätigungen gefunden. Die Barhocker dort drüben (zeigt in die Küche), ein asiatisches Teeservice, ein Louis Vuitton Koffer und eine Ponyfelljacke haben wir dort gefunden. Vieles aus der Wohnung ist jetzt hier, einiges ist allerdings auch von meinen Großeltern aus Österreich oder von Leons Großeltern aus Hagen, einer kleinen Stadt in der Nähe Hannovers. Unsere Wohnung ist wohl eine Mischung aus Ikea, Vintage, Retro und – ich will nicht sagen gestohlenem – aber gefundenem aus Wohnungen, die irgendwie leer und nie betreten wurden.

Fräulein: Wie kam es dazu, dass ihr zwei als Paar mit einer Frau zusammengezogen seid? War das eine bewusste Entscheidung?

Niklas: Drei waren wir immer, allerdings mit einem kleinen Wechsel. Leon und ich haben immer überlegt, wer die dritte Person am besten sein könnte und haben schnell für uns entschieden: wir möchten keinen homosexuellen Dritten in dieser Wohnung haben, sondern am liebsten eine Frau. Jetzt lebt Sofa bei uns. Sie ist eine heterosexuelle Frau, die Single ist und ihr Tinder-Leben in vollen Zügen genießt. Es ist sehr erfrischend, eine Dritte im Bunde zu haben, die so ganz anders ist als man selbst. Jemanden, der eigentlich ‚kein’ Teil unserer Szene ist. Das schöne ist, dass Sofa aber so offen dem ganzen gegenüber ist. Sie freut sich auch ab und an mal in unsere queere Welt einzutauchen. Das heißt, wenn Leon und ich Drag machen und feiern gehen, kommt sie auch schon mal mit. Das gilt aber auch umgekehrt: Wir begleiten sie auch mal in Clubs, die wir normalerweise nicht unbedingt betreten würden.

 

Fräulein: Wenn ihr euer Territorium verlasst und Sophia begleitet, geht ihr dann als Drag?

Niklas: Nein nein. Drag mache ich dort wo es auch wirklich ‚appreciatet’ wird und wo es auch Vorteile hat in Drag zu sein (lacht). Ich gehe nicht in einen Club, wo ich dann auch noch Eintritt zahlen muss, obwohl ich in Drag bin.

 

Fräulein: Feiern in Drag ist sehr wichtig für dich. Was liebst du daran?

Niklas: Für uns ist feiern durchaus ein Prozess der schon lange vor dem Club startet, wie eine Zeremonie aus Fertigmachen – Look kreieren, sich schminken. Was bei anderen das Vorglühen ist, ist bei uns das Make-up. Als ich jünger war, war das Vorglühen eigentlich der Hauptteil vom Feiergehen. Man hat sich mit zehn Leuten am Bauernhof getroffen und sich ordentlich einen reingestellt. Feiern ist man dann eigentlich nur noch gegangen, weil man eben feiern geht. Obwohl, so richtig feiern – dem berliner Verständnis entsprechend – waren wir wohl nie. Wir hatten Bars, aber keine echten Clubs.

 

Fräulein: Wie groß war das Dorf in dem du aufgewachsen bist?

Niklas: Mein Dorf hat etwa 20.000 EinwohnerInnen. Also gar nicht so klein. Ich hatte das Glück mit dem Auto nur eine Viertstunde von der Bundeshauptstadt (Linz) entfernt zu wohnen, die mit 200.000 Leuten schon beachtlich größer war. Aber man muss trotzdem sagen, dass Linz doch sehr konservativ eingestellt war/ist. Von daher hat sich meine Einstellung dem Clubbing und der Szene gegenüber durch Berlin natürlich wahnsinnig verändert.

 

Fräulein: In die Queer-Szene bist du dann also erst in Berlin eingetaucht?

Niklas: Würde ich schon sagen. Ich finde immer das es einen Unterschied zwischen der Queeren- und der Schwulen-Szene gibt. In Österreich gab es nur die Schwulen-Szene.
Queer ist ein sehr inklusiver Begriff, der nicht nur den Mann als heterocis-Mann, der andere Männer geil findet anspricht, sondern auch die Butch-Frau, die auf Frauen steht oder auch den femininen Mann, der auf Trans-Personen steht. Ein bisschen mehr inklusive, mehr gemeinsam. Und das finde ich auch etwas schöner, weil es mehr Arten von Liebe berücksichtigt. Und die schwule Szene ist meist einfach sehr oberflächlich, teils misogyn und auch sehr reserviert.

 

Fräulein: Jetzt wohnt ihr allerdings ganz nah an der Schwulen Szene Berlins…

Niklas: Genau. Der Nollendorfplatz ist wohl das schwule Mekka Berlins. Wenn es zumindest darum geht in eine Bar zu gehen, sich jemanden aufzureißen oder für den nächsten Darkroom, ist der Nollendorfplatz, der von uns 10 Minuten entfernt ist, auf jeden Fall eine gute Anlaufstelle. Wir sind dort auch ab und zu, aber dann mehr so unter der Woche, für ein Bierchen. Aber wir haben hier ums Eckchen auch eine Bar, die heißt „Erna P“. Die Besitzerin ist eine Transfrau, die früher auch Besitzerin einer Bar am Nollendorfplatz war. Ihr wurde es dort aber irgendwann zu homophob – das ist der Grund, wieso sie jetzt hierher umgesiedelt ist.

 

Fräulein: Hast du das Gefühl, wenn man in Berlin homosexuell bzw. in der Szene aktiv ist, dass man sich gegenseitig kennt?

Niklas: Bedingt, ja. Ich habe immer das Gefühl, wenn man zu Partys geht, so in die typischen Clubs – SchwuZ, Musik und Frieden und die die es eben jeden Monat gibt – dass man schon so um die hundert Leute sieht, die man alle irgendwie kennt. Wenn man dort öfters ist, dann lernt man sich schnell „kennen“. Es ist so dieses typische: man kennt viele Leute durchs feiern – das sind eigentlich keine Freunde, aber beim feiern werden sie zu welchen (lacht).

 

Fräulein: Hast du das Gefühl deine Bekanntheit ist durch euer Magazin gestiegen? Spürst du eine Veränderung?

Niklas: Doch schon. Ich habe das Gefühl, dass viele eine Art Mythos um uns herum aufgebaut haben und dass sie glauben, wir sind jetzt bekannt – im Sinne von „Oh das sind die“. Ich wundere mich dann immer, denn mir ist das immer nicht so bewusst. Teilweise werde ich auch mit meinem Drag Namen angesprochen, das empfinde ich immer als etwas befremdlich, wenn ich ungeschminkt rumlaufe. Wobei ich tatsächlich selbst auch alle Queens die ich kenne immer mit ihrem Drag Namen anspreche, egal ob im Fummel oder nicht. Ich mache Drag ja jetzt nicht professionell, performe nicht regelmäßig und lege auch nicht auf, wie die bekannteren Drags das tun. Ja, es ist komisch, wenn mich plötzlich jemand Ivanka ruft.

 

Fräulein: Treten du und Leon auch als Duo auf?

Niklas: Das haben wir noch nie gemacht. Ich glaube auch, dass Leon eine ganz andere Drag ist, als ich es bin. Ich bin eher so der klassische Typ, wenn es um Performance geht. Ich mache so die Nullachtfünfzehn-Nummern: mal Britney Spears, mal Madonna und auch mal Cher. Leons erste Performance war zum Beispiel Hildegard Knef. Von daher sind wir sehr unterschiedlich. Ich versuche immer die sexy Alte zu sein, die die Leute entertained und Léon ist so ein bisschen dieser Art Alien, der sehr kontrovers denkt und vielleicht etwas konzeptionellere Performance-Stücke macht.

 

Fräulein: Ihr zwei teilt euch auch eure Kleidung. Die Schuhe, wenn ich mich richtig erinnere, hattest du bei unserem letzten Treffen auch an.

Niklas: Im ‚normalen Leben’ auf jeden Fall. Wir haben zwar schon zwei Kleiderstangen, aber ich glaube Leon hat auch heute meine Hose an. Wir teilen eigentlich alles. Obwohl es sehr komisch ist (lacht): Leon ist groß und dünn und ich bin klein und nicht so dünn. Aber wir haben die gleiche Schuhgröße. Das ist schon sehr praktisch. Außerdem teilen wir meist den gleichen Stil. Das vermischt sich nach drei Jahren zusammen wohnen dann schon.

 

Fräulein: Habt ihr eine Kerngruppe, mit der ihr öfters loszieht? Seid ihr Teil einer größeren Community?

Niklas: Wir haben auf jeden Fall unseren engen Kern. Der besteht eigentlich nur aus mir, Leon, Sofa und Rafael – der jetzt auch gleich kommt. Und dann haben wir so in etwa 20 Leute um uns herum, die man sehr gut kennt, mit denen man auch gerne feiern geht, aber die man dann eher so im Club trifft. Und dann haben wir unsere queeren Familys überall; zum Beispiel eine in München, eine in Amsterdam, in Österreich, London und so weiter. Die sieht man dann immer so dreimal im Jahr und es ist so als wäre keine Zeit vergangenen.

 

Fräulein: Familie? Wie können wir uns das vorstellen?

Niklas: Als queerer Mensch muss man sich seine Familie oft aussuchen, denn queere Menschen haben es in der Gesellschaft einfach deutlich schwieriger als heterosexuelle, weswegen es sehr wichtig ist, dass man siche eben auf diese Familie verlassen kann und diese einen auch versteht. Unsere Art des Lebens hat schon einige Parallelen zu der Netflix Serie Pose – um es mal plastisch zu machen. Wir wohnen zwar nicht alle zusammen, aber wir haben schon unsere Familien, in denen wir sehr zusammenhalten und auch zusammengehören. Ich würde sagen in meiner Familien bin ich die Mother. Wir haben schon auf eine gewisse Art bestimmte Regeln, oder lass es uns Strukturen nennen, die aber immer noch sehr offen sind. Wir können, aber müssen natürlich nicht. Wie zuhause auch. Es ist schön, wenn sich daran gehalten wird, aber keiner wird verbannt, wenn er es mal nicht tut. Leon ist dann die Mutter Nummer zwei. Aber nur in der Theorie. Leon hat nicht  ganz so mein Durchsetzungsvermögen, ich bestimme meist schon mehr. Ich bin schon die Chefin (lacht). Wir sind schon eine Demokratie, aber schlussendlich habe ich das letzte Wort. Fast immer. Ich wollte diesen Teppich und ich habe diesen Teppich dann auch gekauft (lacht). Gerade wenn es um unsere Wohnung geht sind wir alle sehr experimentierfreudig, aber vor allem für mich muss jeden Monat irgendetwas anders aussehen. Ich bin so einer der nie lange alles gleich lassen kann. Ich muss immer irgendwas neu machen, irgendwas umändern. Ich bin so ein richtiger ADHS-Patient, ich muss immer dauernd (schnippt mit den Händen) was tun. Ich kann nicht still halten und das zieht sich auch sehr durch die Wohnung und durch unser Lebensverhältnis generell.
Wir haben im Prinzip eh immer Leute hier, wirklich dauernd schläft hier irgendjemand. Alleine ist man so gut wie nie. Ich bin dann aber auch mal froh, wenn etwas Ruhe einkehrt, ich mich mit einem Glas Rotwein zurückziehen und ein Buch lesen kann. Also nicht unbedingt ein Buch (lacht). Ich schaue ein Youtube Video (lacht). Ich bilde mich anders.

Dann stoppen wir das Interview. Sophia – oder Sofa, wie die WG sie liebevoll nennt – hat heute ihren Jahrestag. Seit 365 Tagen wohnt sie mit den beiden zusammen. Das wird natürlich gebührend gefeiert. Mit einem Glas Sekt sind wir auch gleich mit dabei. Dazu gibt es Kuchen, Sophias Lieblingschips und ihre Lieblingsschokolade. Zu fünft sitzen wir in Erinnerungen schwelgend auf dem Boden. 

 

Fräulein: Wir kennen dich als einen super offenen Menschen. Als du noch in Österreich bei deinen Eltern gelebt hast, bist du da schon offen mit deiner Homosexualität umgegangen?

Niklas: Nein.

 

Fräulein: Sollen wir das rauslassen?

Niklas: Nein. Ich finde es eigentlich ganz witzig. Irgendwie habe ich das bisher noch nie erzählt. Ich bin der festen Meinung, dass Eltern, vor allem eine Mutter, immer so eine Ahnung haben von dem was bei dem eigenen Kind los ist. Ein klassisches Outing hatte ich allerdings gar nicht. Das Outing an sich war, dass meine Mama mich gefragt hat ob das mein Freund sei. Ich hab „ja“ gesagt. Und das wars. Was ich auch sehr schön finde. Ich mag die Idee von einem Outing nicht sonderlich. Warum muss man sagen „ich bin das oder ich bin das“? Das ist eben mein Freund und ja, damit war alles klar. Trotzdem war die Situation für mich sehr emotional. Meine Eltern akzeptierten es, sie akzeptieren mich. Es war super schön, alles war gut. Zu dem Zeitpunkt habe ich aber auch schon ein Jahr lang in Berlin gewohnt und mein damaliger Freund und ich waren bereits seit eineinhalb Jahren zusammen.
Zuhause bei meinen Eltern hatte ich nie einen Freund. Ich habe immer zwanghaft versucht mich in etwas rein zu zwängen, in das ich nicht hineinpasse. Das ging aber nicht von meinen Eltern aus. Ich wollte akzeptiert werden, und ich dachte das wäre nur möglich, wenn ich mich anpasse, auch wenn man es eigentlich nicht muss.

 

Fräulein: Würdest du sagen, du hast dich sehr verändert – du wirkst für viele wie ein lebender Performance-Künstler – auf eine positive Art. Du bist echt, authentisch, das bist halt du.

Niklas: Auf jeden Fall. Ich war immer schon ein Mensch der wahnsinnig gern, wenn eine Bühne da war, auf sie gesprungen ist. Ich habe immer schon gerne im Mittelpunkt gestanden, war immer eher der laute Typ, der aus dem Reden nicht mehr herauskam. Ein Schlag Mensch, den viele nicht ausstehen können (lacht) – was ich auch um Gottes willen, sehr gut verstehen kann. Aber ja, Berlin hat mich schon sehr verändert – oder nicht Berlin selbst, sondern die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe. In Berlin habe ich gelernt, dass es erlaubt ist, der sein zu können, der man sein will. Du kannst Highheels, oder einen Rock tragen und es ist ok – auch als Mann. Was mir immer in Erinnerung bleiben wird: Ich wollte immer, wirklich immer schon blonde Haare. In Österreich habe ich mich das nie getraut. Ich hatte Angst, damit würde ich mich als schwul outen, was damals noch mit sehr viel negativem verbunden war. Ich habe mir damals über vieles Gedanken gemacht: Wie bewegst du dich? Gehe ich auf eine bestimmte Art und Weise, dann könnten Leute erkennen dass ich nicht „normal“ bin. Oder wie ich rede. Dabei habe ich oft vergessen, wer ich wirklich bin. Und in Berlin, weit weg von diesen Normen, habe ich mich dann getraut. Auch die Haare sind jetzt blond.

 

Fräulein: Ist das der oder ein wesentlicher Grund, wieso du nach Berlin gekommen bist?

Niklas: Berlin war eigentlich nie auf meiner Liste. Ich hatte mich für ein Studium in Wien, Leipzig, London und Berlin beworben. London war schlussendlich zu teuer, in Leipzig bin ich nicht genommen worden. Dann wurde es Berlin. Der Tag meiner Aufnahmeprüfung war auch mein aller erster in Berlin und ich fand es anfangs wahnsinnig hässlich. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von der Stadt; hatte überhaupt keine Freunde hier. Ich war wohl ziemlich allein. Ich bin dann in eine Ein-Zimmer-Wohnung gezogen, was ein sehr großer Fehler war, zumindest am Anfang, wenn du keinen kennst. Man vergisst immer schnell, dass umso mehr Leute in einer Stadt sind, desto anonymer wird man als Person selbst.
Irgendwie und irgendwann habe ich dann für mich entschieden, wenn ich schon alleine im Hinterhof meiner Wohnung sitze, dann suche ich mir ebene meine eigene Familie. Das habe ich dann auch gemacht.
In meinem ersten Jahr in Berlin war ich aber wirklich viel alleine. Vielleicht aber auch deshalb, weil ich selbst noch nicht wusste, wer ich sein will. Aber ich glaube, nachdem man für sich selbst entschiedenen hat wer man eigentlich ist und lernt sich zu akzeptieren, erst dann kann man auch offen für andere sein. Klingt nach einem riesen großen Klischee, aber es ist so. Ich glaube, als ich nach diesem ersten Jahr komplett offen umgegangen bin mit dem wer ich bin, für was ich stehe und was ich tue habe ich auch angefangen, dass ich andere mehr akzeptiere und dass ich andere mehr in mein Leben rein lasse. Am Anfang war ich immer ein bisschen schüchtern gegenüber dem ganzen anderen und war so ‚ah, damit möchte ich nichts zu tun haben’ , weil am Schluss könnte man ja herausfinden, dass man selber so ist und davor hatte ich immer etwas Angst.

 

Fräulein: Siehst du dich heute in einer Art Vorbildfunktion? Glaubst du deine Offenheit kann anderen helfen auch zu sich zu stehen?

Niklas: Ich trage ja teilweise schon sehr extraordinäre Sachen. Man sieht mich und man weiß eigentlich, dass ich schwul bin. Ich bin sehr offensichtlich schwul. Und ich bin auch sehr offen damit. Also ich hab kein Problem damit mit lackierten Fingernägeln rumzulaufen. Das schöne ist, dass das eben auch Leute sehen, die vielleicht noch nicht so offen mit ihrer eigenen Homosexualität umgehen. Ich hoffe natürlich sehr, das sie sich dann denken ‚Na wenn die Alte das kann, kann ich das auch’. Oder wenn Leute in Österreich mich sehen und sich denken ‚ok, wenn der als Frau rumläuft und auch gefeiert wird, dann kann ich mich vielleicht auch outen.‘ Viele tragen die Angst in sich nicht akzeptiert zu werden. Aber wenn sie dann sehen, dass ich, SO EXTREM SCHWUL wie ich bin, immer noch Freunde habe und auch erfolgreich damit bin (lächelt), dann ist das vielleicht für manche ein kleiner Lichtblick.

 

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Text: Teresa Löckmann
Fotos: © Niklas van Schwarzdorn / Miss Ivanka T.

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