The artist I loved

vor 10 Monaten

Fünf besondere Paare aus der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Manche Liebesgeschichten prägen die Zeit. Nicht nur, weil sie für die die sie erlebt haben Formativ und bereichernd waren, sondern weil sie auch ihrem Umfeld positiv beigetragen haben.
Dies lässt sich von den folgenden fünf Paaren sagen, die visuell eine Spur ihres Zusammenlebens oder ihres gemeinsamen Schaffens hinterlassen haben.

 

Robert Delaunay, Joie de Vivre 1930

Sonia und Robert Delaunay

Er beginnt seine Laufbahn als Dekorationsmaler im Pariser Viertel Belleville, während sie, in der Ukraine geboren und von ihrem Onkel adoptiert, 1905 an der Académie de la Palette ein Studium anfängt. Sie werden sich 1909 über den Galeristen Wilhelm Uhde kennenlernen und bereits ein Jahr später heiraten. Unabhängig voneinander waren beide bereits stark von den Arbeiten des französischen Chemikers Eugène Chevreul beeinflusst, vor allem durch sein 1839 erschienenes Werk “De la loi du contraste simultané”. Der sogenannte Simultankontrast, mit hellen Regenbogenfarben als wiederkehrendes Stilmittel, wurde zum stilistischen Merkmal der Kunstwerke beider. Während sich Robert auf die Malerei konzentrierte, inkorporierte Sonia den Simultanéisme in alle Bereiche des alltäglichen Lebens. Auf Werbeplakaten, Buchumschlägen, Dekoration sowie Theaterkostüme und Bekleidung etablierte sie die sich in die Länge ziehenden bunten Streifen.

Sonia und Robert Delaunays Ästhetiken sind heutzutage als eine nicht trennbare Entität angesehen. In ihrem privaten und beruflichen Leben sind sich beide Künstler bis zum Tod -1941 für Robert, und 1979 für Sonia – treu geblieben.

Die Stravinsky-Fontäne in Paris, 1983 vom französischen Staat beauftragt

Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely

Die tumultuöse Beziehung und Ehe von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely beginnt am Anfang der 50er Jahre, als Niki Jean in einem Atelier der Impasse Ronsin einen wertvollen Tipp gibt. Sie rät dem von Maschinen faszinierten Schweizer, sein gerade fertig gestelltes Werk mit ein paar Federn auszustatten. Jean wird ihrem Rat dieses Mal nicht folgen, Federn werden jedoch allemal seine zukünftigen “Baloubas”, feingliedrige fantastische Maschinen, schmücken.  

1960 wird das Paar zusammen in eine Künstlerkolonie ziehen. Im selben Jahr entstehen auch die ersten gemeinsamen Werke. 1966 wird das wohl monumentalste im Modern Museet in Stockholm  ausgestellt: Hon (die schwedische Übersetzung des weiblichen Pronomen “sie”), eine 25 Meter hohe Nana, von den bisherigen weiblichen Skulpturen von Niki inspiriert. Der Besucher betritt den riesigen Frauenkörper dank einer Öffnung zwischen den Beinen. Im Inneren befinden sich mehrere Installationen: Maschinen von Tinguely, ein Kino, eine Milchbar und ein Planetarium. Hon wird nur ein von Juli bis September 1966 ausgestellt und anschliessend zerstört. Der Kopf ist bis heute noch im Museum zu sehen. 

Ab diesem Zeitpunkt wird sich in jedem ihrer jeweiligen Werke etwas von ihrem Ehepartner verstecken. Die Maschinen von Jean werden zu den Sockeln von Nikis Werken, sie werden in der Presse als die “Bonnie and Clyde der Kunstwelt” bezeichnet. 1983 beauftragt der französische Staat das Künstlerpaar, eine Fontäne vor dem Centre Pompidou zu gestalten. Die Fontaine Stravinsky verdeutlicht nochmal die Quintessenz ihrer Zusammenarbeit: Sie kümmert sich um die Formen und Farben, er um den gesamten Mechanismus. 

Sie haben sich gegenseitig auf den Thron der modernen Kunst gehoben, und blieben ab 1971 und bis zum Tod von Jean offiziell verheiratet. Wann genau sich ihre Wege trennten, bleibt unklar, jedoch verbrachte er nicht die letzten Jahre seines Lebens mit ihr. 

Jasper Johns, Three Flags, 1958, ©Sharon Mollerus

Robert Rauschenberg und Jasper Johns

Diese Beziehung dauerte nur sechs Jahre, ihr Einfluss auf die Karriere beider Männer ist jedoch nicht zu vernachlässigen. Ohne Robert Rauschenberg hätte Jasper Johns womöglich nie die Malerei als Beruf in Betracht gezogen. Beide lernen sich 1954 kennen, als sie gemeinsam für Tiffany’s Schaufenster gestalten. Jasper schlägt sich mit Minijobs als Dekorateur und Verkäufer in Buchhandlungen durch, während Robert als Maler arbeitet und bereits eine Scheidung hinter sich hat. Diese zwei extrem unterschiedlichen Persönlichkeiten werden sich ergänzen und miteinander Inspiration finden. Die Entdeckung der berühmten ‘Flags’ von Jasper Johns hat das Publikum in gewissen Weise Robert Rauschenberg zu verdanken. Es war eigentlich Robert, den der Galerist Leo Castelli besuchen kommt, als er plötzlich die Werke seines Lebensgefährten entdeckt. In Folge dessen gelingt Jaspers 1958 der Durchbruch, dank einer Einzelausstellung in Leo Castellis neuer Galerie in New York. Die Serien ‘Flags’ und ‘Targets’ sichern ihm plötzlich den Status des erfolgreichsten, noch lebenden Künstlers. 1955 schmuggelt Rauschenberg in seinem Werk ‘Short Circuit’, einer mit einem Kabinett versehenen Leinwand, eine Flagge seines Partners in eine Ausstellung der Stable Gallery. Neben Jaspers Flagge ist in diesem Konstrukt auch ein Werk von Roberts Ex-Frau, Susan Weil, und eines von Judy Garland zu sehen. 1965 wird die amerikanische Miniaturflagge geklaut und anschliessend mit einem Faksimile ersetzt. Der Diebstahl ist bis heute nicht aufgeklärt.

Am Anfang der 60er Jahre geniesst Jasper eine erfolgreiche Karriere. Robert muss leider zusehen, wie seine eigene ins Stagnieren gerät. Ihre Beziehung zerbricht an dieser massiven Differenz, die sich zwischen den beiden installiert. 

Christo und Jeanne-Claude, 1995

Christo und Jeanne-Claude

Sie kamen angeblich am selben Tag in der selben Stunde zur Welt. Christo Vladimiroff Javacheff ist ein junger Porträtist in Paris als er 1958 die rothaarige Tochter einer seiner Auftraggeber kennenlernt, Jeanne-Claude Denat de Guillebon. Zwei Jahre später kommt ihr gemeinsamer Sohn, Cyril zur Welt. Schon an diesem Zeitpunkt fangen die beiden an, ihre gemeinsamen Projekte zu planen. Das Erste wird 1961 realisiert in Köln realisiert. Dort wickeln sie im Hafen Stoff um Ölkanister. Die richtig verrückten Projekte entstehen erst am Ende der 60er Jahre, nachdem die kleine Familie 1964 nach New York ausgewandert ist. Jedes Jahrzehnt wird Zeuge mindestens einer ihrer neuen Land-Art Installationen, in denen unzählige Meter und Kilometer an Stoff ein Gebäude einpacken oder eine bestimmte Fläche bedecken. So bauen sie 1976 eine “Running Fence” in Kalifornien auf, oder packen 1985 den Pariser Pont Neuf und 1995 den Berliner Bundestag ein. 

Ihre Werke zeichnen sich durch ihre Kurzlebigkeit aus. Niemand kann es verkaufen, geschweige denn kaufen oder besitzen. Sie gehören dem Zuschauer, der die zeitlich begrenzte Installation miterleben darf. Die Künstler zielen auch die Popularität ihrer Kunst ab, da Media-Coverage ihre wichtigste Form von Kommunikation darstellt. Der Verkauf der sehr aufwendigen Vorbereitungsstudien finanziert das finale Projekt. Ihr Konzept des “Révéler en cachant”, der versteckten Enthüllung wurde oftmals kritisiert, ist jedoch bis heute eine der ungewöhnlichsten Kunstformen, die jemals auf so grosser Ebene durchgeführt wurde.

Jeanne-Claude starb 2009, Christo ist bis heute noch aktiv. 

Georgia O'Keeffe, 1918 von Alfred Stieglitz fotografiert

Georgia O’Keeffe und Alfred Stieglitz 

Ihre Beziehung fing 1916 an, als er 52 und sie 28 Jahre alt ist. Georgia O’Keeffe ist Malerin, Alfred Stieglitz Photograph und Besitzer der berühmten Galerie 291in New York. Das Paar heiratet erst 1924, nachdem sich Alfred von seiner Frau hat scheiden lassen. Er unterstützt seine neue Frau, die bisher mit mehr oder weniger Erfolg abstrakte Kohlezeichnungen produziert, in ihrer Karriere und vermittelt sie den richtigen Ausstellern. Währenddessen wird sie auch zum Model für seine eigenen Bildern. Daraus entspringen Alltags- aber auch Aktibilder, die damals als skandalös angesehen werden. Sie strahlen eine explizite Erotik aus, für die das Publikum damals noch nicht bereit war. Alfred Stieglitzs Arbeit findet auch in den Gemälden seiner Frau Resonanz. Neben Akt- und Landschaftsmalerei beginnt sie Nahaufnahmen von Blumen zu pinseln, die an die Morphologie des weiblichen Geschlechts erinnern sollen. 

Bereits 1946 wird der 82-jährige Alfred Stieglitz an den Folgen eines Herzinfarkts sterben. Georgia O’Keeffe wird ihn um 40 Jahre überleben und ihre Karriere als Malerin und später auch Regisseurin alleine durchziehen. Kurz nach seinem Tod zieht sie nach New-Mexiko. Aus dieser Zeit stammen auch ihre berühmten Bilder tierischer Schädel auf einem Wüstenhintergrund. Georgia wird 1986, im Alter von fast 100 Jahren in Santa Fe diese Welt verlassen. Insgesamt tauscht das Paar zwischen 1915 und 1946 um die 25.000 Briefe aus, manchmal sogar bis drei pro Tag, à jeweils 40 Seiten. In “My Faraway One” hat die Kuratorin Sarah Greenough die Austausche aus den Jahren zwischen 1915 und 1933 gruppiert. 

 

Text: Juliane Clüsener-Godt

 

Verwandte Artikel

Japan in Frankfurt

Zum 19. Mal lädt das Nippon Connection Filmfestival ­in Frankfurt am Main ein. Ein filmischer Einblick in die Kultur Japans.