Woman of the month: Jacinda Ardern

vor 2 Wochen

Jung, innovativ, willensstark und mitfühlend – Neuseelands Premierministerin überzeugt weltweit.

Wenn es eine Politikerin gibt, deren Namen in die Geschichte eingehen wird, dann ist es die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Sie ist seit 21 Jahren Mitglied der Labour Partei, führende Parteivorsitzende und seit 2017 die jüngste Premierministerin Neuseelands seit mehr als über 100 Jahren.

Ihr Sinn für Gerechtigkeit und ihr politisches Verhandlungsgeschick bewies sie bereits während ihrer Schulzeit. Als Mitglied des Schülerparlaments kämpfte sie unter anderem gegen das Hosenverbot für Mädchen. Mit jungen 17 Jahren trat sie der Labour Partei bei. Später studierte sie Politische Kommunikation und sammelte erste praktische Erfahrungen als Beraterin der ehemaligen neuseeländischen Premierministerin Helen Clark sowie im Team des damaligen britischen Premierministers Tony Blair. Seit 2008 ist sie ununterbrochenes Mitglied des neuseeländischen Parlaments. Im Alter von 28 Jahren wurde sie damit zur jüngsten Abgeordneten in der Geschichte Neuseelands. Neun Jahre später ist sie Vizechefin, dann folgt der Amtsvorsitz der Oppositionspartei und noch im selbigen Jahr wird sie zur neuen Regierungschefin ernannt.
In ihrer Rolle als Oppositionssprecherin setzte sie sich besonders für Frauen, Jugendliche und Kinder ein. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit dem kulturellen Erbe Neuseelands, der Justiz, Kleinbetrieben und mit Angelegenheiten Aucklands.

Jacinda Ardern wollte nie Premierministerin werden. Es bedurfte viele Überredungskünste ihrer Kolleginnen und Kollegen bis sie sich entschloss für das Amt zu kandidieren. Sie selbst betonte immer wieder, sie sei für eine solche Position nicht geschaffen – ihre Angst Menschen zu enttäuschen sei zu groß. Umso weniger sie an ihre Führungsfähigkeiten glaubte, desto mehr schien die neuseeländische Bevölkerung ihr zu vertrauen. Auf Wählerinnen und Wähler wirkt sie authentisch, demonstriert Empathie und besticht mit ihrem ansteckenden Lachen. Binnen eines Monats, nach der Bestätigung ihrer Kandidatur als Premierministerin, stieg der Zuspruch ihre Partei um 20 Punkte an. Dass sich die Menschen nicht in ihrem politischen Talent täuschten, stellte sie spätestens in den vergangenen Wochen unter Beweis.

Zwei Moscheen in Christchurch wurden zum Ort eines grausamen Verbrechens: 50 Muslime starben, darunter Kinder, davon eines nicht älter als drei Jahre alt. Der verheerendste islamfeindliche Terroranschlag, der je im Westen verübt worden war, versetzte die ganze Welt in Schockstarre. Abgeordnete Neuseelands ebenso sprach- und fassungslos wie der Rest der Zivilbevölkerung. Jacinda Ardern war die Frau, die als erste das Wort ergriff und Taten folgen ließ – mit klarer Haltung, mit Herz und Verstand.

„Ich glaube, ich empfinde so wie viele andere Neuseeländer gerade fühlen. Alle trauern und ich trauere mit ihnen. Aber ich muss auch meinen Job machen. Ich muss dafür sorgen, dass wir uns um alle Betroffenen kümmern, dass sie Unterstützung und Hilfe bekommen, nicht nur in den nächsten Tagen, sondern auch in den kommenden Monaten und Jahren“ (Jacinda Ardern)

Weltweit sind die Augen auf sie gerichtet. Sie ist „die Frau für den richtigen Ton“ (Tagesschau), „feinfühlig und führungsstark“ (Deutsche Welle) und ein Vorbild für die gesamte internationale Politik (Bento). „Ihre Reaktion auf den Terror von Christchurch“ kommentiert Bento, sei „ein Lehrstück für Politiker auf der ganzen Welt“.
Die Premierministerin denkt gemeinschaftlich. Eine Unterscheidung zwischen „wir“ und „sie“ existiert für sie nicht. Die betroffenen Muslime sind nicht „ein“ Teil Neuseelands, sie sind Neuseeland.

„Viele der Betroffenen sind Einwanderer, die sind vielleicht Flüchtlinge, sie wollten Neuseeland zu ihrer Heimat machen und es ist ihre Heimat. Sie sind wir.“ (Jacinda Ardern)

Ein Tag nach dem Attentat verdeckte sie ihre Haare unter einem schwarzen Tuch. Ihr Weg führte sie in ein Flüchtlingszentrum in Christchurch. Ohne Pressegefolge und Medienwirbel suchte sie das intime Gespräch mit Betroffenen. Das Kopftuch ein Symbol ihrer Solidarität. Tausende Frauen folgten ihrem Handeln und verhüllten, am Tag der Gedenkfeier, ihr Haar feierlich mit einem Tuch.
Auch Dubais Herrscher Mohammed bin Raschid al-Maktum zollte ihrem Respekt großen Dank. Am 23.03 zierte ein Porträt der Premierministerin, projiziert auf das höchste Gebäude der Welt, den Burdsch Chalifa im Herzen Dubais.

In all der Trauer, der Verunsicherung und Angst bewahrt die Premierministerin politisches Durchgreifungsvermögen. Mit kühnem Kopf und strategischem Geschick schaffte sie es innerhalb von sechs Tagen eine Gesetzesänderung für Waffenbesitz durchzusetzen und in Kraft treten zu lassen – dies trotz bisher starkem Widerwillen aus den politischen Reihen Neuseelands. „Anstatt sich also innerhalb der Koalition zu bekriegen hat Ardern die andere Seite mit in ihr Bott geholt“ fast Bento ihre Gabe treffend zusammen.
Nicht nur das. Die Premierministerin bezieht Position. Anstatt den Attentäter zu thematisieren, seine Motivation und seine Psyche zu analysieren, wie es nach Terroranschlägen nahezu üblich geworden ist, geht es Ardern um die Opfer und ihre Angehörigen. Er sei ein Krimineller, ein Terrorist, für sie nicht mehr als ein namensloser Mann, sagte sie vergangenen Dienstag im Parlament.

„Mit einem Terroranschlag wollte er viele Dinge erreichen, eines davon war der Bekanntheitsgrad. Deshalb werden Sie niemals hören, dass ich seinen Namen nenne.“ (Ardern)

Seit 2017 versucht Ardern Neuseeland zu modernisieren. Sie selbst repräsentiert die „moderne Frau“ des 21. Jahrhunderts. Als zweite Staatschefin weltweit, brachte sie während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt. Geschlechtergleichberechtigung ist ihr ein wichtiges Anliegen. Für sie sei es völlig inakzeptabel, eine Frau im Vorstellungsgespräch nach ihrer Familienplanung zu fragen, betonte sie in einem Fernsehinterview mit aller Deutlichkeit. Nach nur sechs Wochen Mutterschutz nahm sie ihre Regierungsgeschäfte wieder auf. Ihr Freund, TV-Moderator Clarke Gayford, übernahm stattdessen die Elternpflicht. Gemeinsam reisten die drei im Februar letzten Jahres zur UN-Generalversammlung. Die kleine Tochter, Neve Te Aroha, lernte das politische Geschehen gleich auf dem Konferenztisch – beim Pamperswechsel – kennen.

„Nicht nur Mutter und Landesmutter, sondern auch Mutter Courage“ titelte die Tagesschau. Sie selbst hingegen versteht sich vor allem als eines, als „Ministerin für Kinderarmutsreduktion“. Seit Amtsantritt kämpft sie für die Senkung von Kinderarmut und für die Stärkung des neuseeländische Gesundheitssystems. Aufgewachsen in zwei kleinen Orten Neuseelands, lernte sie früh, was es heißt in sozial und strukturell benachteiligten Lebensverhältnissen hinein geboren zu werden. Erfahrungen von leeren Brotboxen ihrer Klassenkameradinnen und Klassenkameraden und Erzählungen des Vaters, ein Polizist, der sich selbst eher als Typ Sozialarbeiter verstand, sensibilisierte Arderns Weltsicht.

Neuseeland zählt heute zu einen der reichsten Länder der Erde. Dennoch leben fast ein Drittel der Kinder in Armut, häusliche Gewalt ist stark verbreitet und im Verhältnis zu allen OECD-Staaten weist das Land die höchste Selbstmordrate unter Jugendlichen auf.

Ardern erzielte in ihrer Regierungszeit die Einführung eines kostenfreien erstes Studienjahrs und die Bereitstellung finanzieller Mittel für die Verbesserung frühkindlicher Hilfeleistungen. Ebenso erhalten Kinder im Alter von drei Jahren jetzt psychologische Betreuung, sofern bereits im Kindergarten Verhaltensauffälligkeiten registriert werden und Schulen in einkommensschwachen Gegenden werden medizinische Fachkräfte zur Verfügung gestellt, sofern die Eltern ihren Versorgungspflichten nicht nachkommen (können). Die Motivation bei all ihren Reformen ist  ihre Tochter.

„Ich will, dass mein Kind in zwanzig oder dreißig Jahren zurückschaut und das, was ich getan habe, positiv bewertet.“ (Jacinda Ardern)

Ardern bringt mit ihren innovativen Ansätzen neuen Wind in die Politik Neuseelands. Sie wendet sich entschieden gegen monetäre Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt und setzt stattdessen auf Messungen des subjektiven Wohlbefindens. Herkömmliche Wachstumsparadigmen bewertet sie als veraltet. Insbesondere Nachhaltigkeitsindizes spielen für sie eine große Rolle.

Offenheit ist eine ihrer wichtigsten Eigenschaften. Ardern teilt ihr Leben auf Instagram und präsentiert sich ihren Wählerinnnen und Wählern als nahbare Persönlichkeit, als ein Mensch, wie du und ich. Ihrem Titel als sichtbarste Amtsinhaberin weltweit macht sie alle Ehren.

Text: Teresa Löckmann
Bild: Unsplash & ©Christchurch City Council

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