Wer kommt zuerst?

vor 3 Monaten

Wir und Ich – Ich und Wir. Die großen unbeantworteten Fragen des Lebens.

Den eigenen Vorteil auf Kosten anderer ausschöpfen, das ist Egoismus. Uneigennützigkeit, durch Rücksicht auf Andere geleitete Handlungsweisen, hingegen definiert Altruismus. Gängige Assoziationen mit Altruismus sind Kooperation, Gemeinschaft und soziales Verhalten; mit Egoismus Konkurrenz, Ich-Bezogenheit und Selbstliebe. Altruismus ist also ein in der Gesellschaft gern gesehener Gast – Egoismus sollte lieber draußen bleiben.
Weltweit steigt die Anzahl von Demonstrationen, Bürgerbegehen und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Egal wer, welche Intention verfolgt, es geht selten um lediglich die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Ist das der Beginn einer neuen Ära des Mitgefühls?

In den 1990er Jahren beschwor die Menschheit den Individualismus. Gerade eben hatte man den großen Denkern Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche den Rücken gekehrt, predigte man wieder Selbstentfaltung, Persönlichkeitsfindung und vor allem die Stärkung des eigenen Egos. Das Feindbild des egoistischen Einzelgängers der Vergangenheit kehrte zurück in die Gegenwart, als eine wiedergewonnene idealisierte Lebensbestimmung.
Der Mensch allerdings, und das bewiesen schon die Steinzeitmenschen, ist kein Einzelgänger. Damals, wie auch heute – wobei früher vermutlich offensichtlicher – sind Menschen ohne ihresgleichen kaum überlebensfähig. Denn ein Einzelner hätte es wohl auf der Jagd sehr schwer gehabt. Die Braunbären des 21. Jahrhunderts können zwar nicht (immer) töten, haben an Bedrohlichkeit allerdings keineswegs eingebüßt. Nennen wir das Jagdwild des 21. Jahrhunderts einzelne Gesetze oder Politiker und Politikerinnen, so sind Organisationen oder Demonstrantinnen und Demonstranten die Jägerinnen und Jäger der Gegenwart. Eine einzelne Mieterin oder ein Mieter hat eine ebenso geringe Erfolgswahrscheinlichkeit einen Mietstreit zu gewinnen, wie eine Jägerin oder ein Jäger, die oder der sich auf einen zehn Mal größeren Bären stürzt – zu dem Vergleich später mehr.
Glücklicherweise ist sich die Allgemeinheit heute darüber einig, dass Menschen nicht nur aufgrund eines Lebenserhaltungstriebes oder aus kulturellen Zwängen sich vergemeinschaften. Wir gingen sogar so weit den Begriff des Altruismus in unseren Wortschatz aufzunehmen. Unsereins ist demnach nicht nur fähig das eigene Wohl dem Wohl der Gemeinschaft unterzuordnen, sondern wir tun dies sogar freiwillig. Dies beweist ein Blick auf die deutsche Geschichte. Deutschland sähe heute vermutlich anders aus, hätten nicht zehntausende Montagsdemonstrantinnen und Montagsdemonstranten zum Nutzen ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger vor knapp 30 Jahren der Stasi die Stirn geboten.

Die Geschichte lehrte, je mehr Menschen aufeinander angewiesen sind, desto eher setzten sie sich bereitwillig für das Gemeinwohl ein. Die Europäische Union, ein Staatenverbund aus (noch) 28 Mitgliedsstaaten, die gerade in ihren Grundpfeilern zu zerreißen droht – vielleicht gerade deshalb – beweist die Abhängigkeit von unterschiedlichen Ländern und Regionen; von Menschen generell.

„Gemeinsam stärker“ lautet die Parole – und Zusammenhalt war wohl auch nie notweniger als heute. Industrialisierung und Globalisierung haben Ländergrenzen verschwimmen lassen. Über Kontinente hinweg sind Menschen miteinander vernetzt und im täglichen Austausch. Konflikte werden gemeinsam gelöst und lassen neue globale Probleme entstehen – Stichwort Klimawandel. Durch die Digitalisierung ist es uns möglich Nachrichten aus aller Welt zu beziehen. Was in Syrien geschieht erreicht uns in nahezu gleicher Intensität und zeitlicher Aktualität wie Ereignisse aus Deutschland. Wegsehen wird immer schwieriger. Nicht zuletzt das veranlasst viele für die Rechte von Menschen anderer Nationen einzutreten. Demonstrantinnen und Demonstranten weltweit ziehen auf die Straßen, um für die Rechte von Frauen in Syrien zu kämpfen. Immer mehr Schulabsolventinnen und Schulabsolventen reisen nach dem Schulabschluss in Entwicklungsländer, um dort Hilfe zu leisten und Organisationen werden gegründet, deren Ziele dem Wohl Menschen anderer Kulturen oder Religionen gelten.

Menschen demonstrieren weltweit – und Berlin ist Protest Stadt Nummer eins.

In keiner anderen deutschen Stadt demonstrierten 2018 die Menschen so häufig und in meist so großer Zahl wie in Berlin. Bis Ende November 2018 wurden 4.446 Kundgebungen und Demonstrationen gezählt. Das sind doppelt so viele, wie noch zehn Jahre zuvor. Rein rechnerisch findet in der Hauptstadt also alle zwei Stunden eine Demo oder Kundgebung statt. Das nur am Rande.
Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, würde sich bei solch Selbstlosigkeit vermutlich im Grabe umdrehen. Ihm zufolge ist der Mensch ein „Wilder“. Die Unterordnung der eigenen Interessen unter denen der Allgemeinheit führe zwangsläufig zu schwerwiegenden individuellen Nachteilen.
Altruismus allerdings – dank sei den Erkenntnissen der Psychologie und Soziologie – ist nicht das Übel der Welt. Gute Taten helfen nicht nur anderen, sondern fördern das Ansehen in der Gemeinschaft und damit ebenso die eigene Gesundheit: der eigenen Selbstliebe. Selbstliebe, in der Regel negativ konnotiert als eine zentrale Charaktereigenschaft von Egoisten, verwirklicht sich also ebenso in altruistischem Handeln.

Aber wie weit sind Menschen heute bereit zu gehen? Ist der Egoismus tot?

In Zeiten des erstarkenden politischen Rechtsflügels, des zusammenbröckeln einer einst starken Europäischen Union und den spürbaren Folgen des Klimawandels scheinen sich die Menschen stärker als die vergangenen Jahrzehnte zuvor zu solidarisieren. Aber wir wissen selbstverständlich auch: Egoismus ist eben nicht tot. Der soll sogar in unserer Gesellschaft weiterhin recht groß sein. Wie passt das zusammen?

Am 06.04. diesen Jahres demonstrierten Zehntausende in 19 deutschen Städten und 22 europäischen Metropolen, darunter London, Paris und Barcelona gegen den Mietwahnsinn. Die Bürgerinnen und Bürger Berlins machten selbstverständlich auch an diesem Tag ihrem Namen als Protesthauptstadt alle Ehren. Laut „Bundesweite Bündnis #Mietwahsinn“ versammelten sich dort 40 000 Menschen. Im Berliner Innenstadtbereich gibt es heute für Normalverdienende kaum bis keine bezahlbaren Wohnräume mehr. Auf ein Wohnungsinserat prasseln im Durchschnitt innerhalb von wenigen Stunden mehrere 100 Anfragen ein. Bei Besichtigungsterminen konkurrieren dann nicht selten 80 oder mehr Bewerberinnen und Bewerber, versammelt in einer vielleicht 30 oder 40 Quadratmeter großen Wohnung, um ein neues Zuhause. Viele Zugezogene kommen temporär bei Freunden unter. Der Schlafplatz im Wohnzimmer entpuppt sich dann nicht selten als eine sehr viel längerfristige Lösung. Eine Lebenssituation, die mehr und mehr Normalität wird.
Dieser Mietwahnsinn brachte am 06.04. die Menschen zusammen. Schulter an Schulter wurden Pappschilder in die Höhe gehalten. Kämpfend gegen einen gemeinsamen Feind teilte man eine fast tiefgehende Freundschaft.

Wer Samstag hü sagt, der sagt Sonntag …?

Die Realität zeigt: Wer Samstag noch hü sagte, kann Sonntag bereits hott sagen. Wer ausziehen muss, der muss natürlich nicht nur ein neues Zuhause finden, sondern das Ganze auch irgendwie finanzieren. Zum Glück ist das heute einfacher als je zuvor. Vermieterinnen und Vermieter erhöhen die Miete. Ziemlich unfair finden alle, die nicht selbst über eine zu vermietende Immobilie verfügen. Mieterinnen und Mieter, die ihre Wohnungen verlassen möchten, haben heute allerdings eine fast ebenso große Macht. Wie eine kleine Hintertür, die sich öffnet, können sie jetzt auch Forderungen einbringen. Möchte eine Interessentin oder ein Interessent eine Wohnung anmieten, gibt es häufig nur eine klitzekleine Bedingung, die sich Abschlagszahlung nennt. Beliefen sich vor einigen Jahren die Summen noch auf rund 300 bis 500 Euro für eine komplett eingerichtete Küche, dürfen es heute schnell und gerne 3000 bis 5000 sein. Wirkt überspitzt? Vielleicht – aber ja, genau das ist die Realität.

Freundliche Erpressung – am Ende naht das Übel

Das Inserat ein Traum: 40 qm, Paul-linke-Ufer, 550 Euro warm, Heizkosten inklusive, kleiner Balkon, Dielenboden, Stuck, das ganze frischsaniert. Lage, Preis und Bilder: Alles wirkt perfekt! Am Ende des Anzeigetextes naht jedoch das Übel: Es wird eine Abschlagssumme von 2900 € (zumindest keine 3000, sehr freundlich) fällig. Fast dreitausend Euro möchte der Vormieter für zwei Ikea-Kommoden, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, einen abgewetzten Teppich, einen „Vintage Designer Sessel“ und für diverse „Kleinarbeiten“– das Anbringen von Deckenleuchten (Ein-Zimmer-Wohnung!) – haben. Wer diesen Betrag nicht zahlen kann oder möchte, hat selbstverständlich keine Chance auf die Weitergabe der Bewerbungsunterlagen an die Vermieterin oder den Vermieter.

Verkehrte Welt? Wohl kaum! Das eine hat mit dem anderen schließlich nichts zu tun.

Wer sind jetzt die Braunbären mit denen Wohnungssuchende den Kampf aufnehmen müssen? Sind es die großen Miethaie, die Menschen „zwingen“ solch offensichtlich überzogenen Beträge zu fordern? Sind es die Vormieter, die die Verzweiflung ihrer eigentlichen Verbündeten gnadenlos ausnutzen? Ist es einfach Egoismus und Gier? Ein Außenstehender würde die Frage vermutlich bejahen. Würde man den bisherigen Mieter selbst fragen, wäre die Antwort wahrscheinlich eher ein ziemlich klares nein. Schließlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Das machen alle so, auch die oder besonders die, die unter dem Druck des Mietwahnsinns leiden. Der Mensch selbst muss ja überleben – der ewige Kreislauf des Lebens, wie es scheint: Der eine nutzt den anderen aus, der wiederum wen anders und der- oder diejenige dann wieder eine weitere Person.
Es zeigt sich doch recht deutlich: Ich-Bezogenheit findet weiterhin eine Berechtigung im Sprachgebrauch. Besonders wenn es um Geld geht. Weniger im Sinne des Credos „Gier ist gut, Gier ist richtig“, wie es Michael Douglas alias Gordon Gekko in Wall Street (1987) verkündete, sondern schlicht und einfach weil es Existenzen sichert.

Altruismus und Egoismus galten von jeher als unvereinbare Gegenpole des menschlichen Handelns. Mittlerweile ist bekannt, dass beide einander bedingen und brauchen. Wer die eigenen Interessen vergisst, wird auf lange Sicht in der Masse der Menschen untergehen; wer in allen Bereichen seines Lebens purem Egoismus unterliegt wird in der Regel auch keinen langjährigen Erfolg aufweisen. Die Frage ist auch, wo fangen die eigenen Belange an und wo hören sie auf? Mitgefühl ist weder altruistisch, noch eigennützig. Altruismus im Sinne seiner Definition existiert wohl kaum. Viele Psychologen tauschten ihn daher gegen prosoziales Verhalten aus. Denken wir zurück an den Protest gegen den Mietwahnsinn. In diesem Falle erscheint die Solidarisierung der Demonstranten und Demonstrantinnen weniger altruistisch motiviert, eher Resultat eines gruppenbezogenen Egoismus. Ein altruistischer Egoismus der einer Gruppe entspringt ist so alt wie es soziale Kooperationen in der Gesellschaft gibt – das heißt, er existiert seit der Menschheitsentstehung. Die Bildung einer Gruppe, sei es ein Fußballverein, die Ehe, die Straßengang im Kleinen oder große Organisationen wie der Staat, eine GmbH oder ein Unternehmen: all jene sind auf Eigenwohl zielende Gruppenaktionen. Vielleicht ließe es sich auch so formulieren: erst prosoziales Verhalten (gruppenbezogener Egoismus) schaffen in Gesellschaften die Bedingungen, die es Menschen erlauben, sich altruistisch zu verhalten.

Haben wir Menschen also einen Beginn einer neuen Ära des Mitgefühls erschaffen? Es bleibt eine der vielen unbeantworteten Fragen des Lebens. Vielleicht löst sich die Frage ganz auf, wenn man berücksichtigt, dass Handeln selten weder nur altruistisch, noch egoistisch motiviert ist. Vielleicht sind es andere Motivationen, die der „neuen Ära“ unterliegen. Vielleicht wirkt unser Handeln „mitfühlender“ – die Gründe, die uns veranlassen für das Allgemeinwohl einzutreten sind aber egoistischer als niemals zuvor. So oder so ähnlich ließe es sich endlos fortführen: das VIELLEICHT bleibt.

Text: Teresa Löckmann
Bild: Unsplash

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