Zellgeflüster

vor 2 Monaten

Eine Hommage an eines der ältesten und größten Lebewesen der Erde.

Den ganzen Sommer haben sie uns bei brühender Hitze mit ihrem Schatten die Abkühlung geschenkt, die wir so dringend suchten. Jetzt im Herbst zeigen sie uns noch einmal ihre umfassende Schönheit. Bevor alle Blätter fallen, erstrahlen sie, ein letztes Mal bis zum nächsten Frühjahr, in prächtigen, bunten Farben. Ohne sie hätten wir keine Bücher zum Lesen, kein Papier zum Beschreiben und keine Luft zum Atmen. Schon als wir Kinder waren, wurde uns beigebracht, dass sie wichtig sind. Sie produzieren Sauerstoff, speichern Kohlenstoff und filtern Staub aus der Luft. In Deutschland bedecken Wälder etwa ein Drittel der Gesamtfläche. Und obwohl sie die größte Bremse gegen den Klimawandel und essentiell für unser Leben sind, werden Bäume meistens unterschätzt.

Noch dieses Jahr sollten in Deutschland große Teile von einem der ältesten Wälder des Landes gerodet werden. Es war geplant, dass 100 Hektar für den Anbau von Braunkohle vernichtet werden. Diese Woche fiel der Beschluss des Oberverwaltungsgerichts, der die Rodung auf zwei weitere Jahre stoppte. Würden RWEs Pläne in zwei Jahren fortgesetzt, hätte dies schwerwiegende Folgen. Denn die geplante Ausgleichsfläche wäre nicht im Geringsten gleichwertig mit dem ursprünglichen Wald, da sich dort über 12 000 Jahre ein vielschichtiges Ökosystem erschließen konnte. Besonders unterirdisch haben sich komplexe Strukturen gebildet, die Jahrhunderte brauchen werden um sich wiederherzustellen. Die Wurzeln von Bäumen und Pflanzen wachsen circa einen Millimeter pro Stunde und bilden dabei ein riesiges, dynamisches Kommunikationsnetz. Wissenschaftler, wie Frantisek Baluska, sind der Meinung, dass dieses Netz so gigantisch ist, dass sie es als Wood Wide Web bezeichnen.

So hat eine einfache Roggenpflanze circa 13 Millionen Wurzelfasern, mit weiteren unzähligen Härchen, die eine Gesamtlänge von 10 600 Kilometern ausmachen. Balsuka erklärt in einer Veröffentlichung der Universität Bonn: „Wir wissen jetzt, dass Pflanzen insbesondere unter der Erde intensiv miteinander kommunizieren. Sie reden miteinander und auch mit bestimmten Pilzen.“ Durch in Wasser gelöste Botenstoffe können die Bäume schmecken und sich somit austauschen. Dabei erkennen sie Verwandte und identifizieren Wurzeln junger Bäume, um diese mit Zucker zu versorgen. Dieser ganze Prozess zeigt ein gewisses Sozialverhalten der Pflanzen, die meistens nur als Bau-und Rohstoffversorger angesehen werden. Schon Aristoteles erkannte vor 2000 Jahren die Intelligenz der Pflanzen und sah in ihnen eine vegetative Seele wirken.

Jeder hat schon mal gehört, man solle seinen Pflanzen vorsingen, sie streicheln, damit sie besser wachsen. Doch ist daran zu glauben nicht esoterisch? Baluska bestätigt diesen alten Hausmütterchentipp und erklärt, dass bei Berührungen bestimmte Gene in der Pflanze aktiviert werden und der Stamm sichtbar dicker wird. Äußerer Reize wie Stimmen oder Gesang sind stark genug um von der Pflanzenmembran aufgenommen zu werden. Auch Wissenschaftler Stefano Marcuso spricht in seinem Tedtalk über die unterschätzte Intelligenz von Pflanzen und behauptet, dass sie in Besitz aller fünf Sinne seien. Nimmt man zum Beispiel das Sehen. Natürlich haben Pflanzen keine Augen, jedoch ist es für sie lebenswichtig, sich am Licht zu orientieren und ihm entgegenzuwachsen. Die Oberfläche eines Blattes nimmt mit Rezeptoren und elf Lichtsensoren Helligkeit wahr. Das menschliche Auge hat im Vergleich nur vier solcher Sensoren.

Intelligenz ist ein ambivalenter Begriff, aber nach Marcusos Definition ist es, die Fähigkeit „Probleme der eigenen Existenz konstruktiv zu lösen“. Bei dieser Betrachtungsweise haben uns die Bäume einiges voraus. Statt Probleme der eigenen Existenz zu lösen, erschaffen wir eher neue. Die hohe Emissionsbelastung durch unsere Industriegesellschaft und die Belastung durch Schwefeldioxid verursachen ein Ungleichgewicht im Wasserhaushalt der Waldböden. Dadurch wird das Wood Wide Web so stark beschädigt, dass (nach der Schutzgemeinschaft Deutscher Wälder) lediglich 34% der deutschen Bäume gesund sind. Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an den gigantischen Lebewesen nehmen und nach Lösungen statt Problem für unsere Existenz suchen. So wie die Online-Suchmaschine Ecosia, die mit den Werbeinnahmen jeder Suchanzeige dort einen Baum pflanzt, wo er am meisten gebraucht wird. Auf der Website kann man sekündliche die Anzahl der gepflanzten Bäume steigen sehen, merken, was für eine Wirkung das Projekt hat. Weltweit wurden dadurch schon über 39 Millionen neue Bäume gepflanzt.

 

Text: Nadja von Bossel

Foto: Todd Johnson

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