Paradise Lost

vor 5 Jahren

Der vermeintliche Escort-Service Girls of Paradise wirbt mit lasziven Posen. Doch hinter jedem Profil-Bild verbirgt sich ein Opfer männlicher Gewalt.

Ein Mann klickt sich durchs Netz, auf der Suche nach Befriedigung. Seiten wie 1001 Nacht Escort, Golden Angels und Bad Girls reihen sich in den Tabs seines Internet Browsers aneinander. Dann, endlich, wird er fündig, bei Girls of Paradise. Braunes Haar, braune Augen, rosa Lippen und geschwungene Schlüsselbeine. Luz Maria starrt ihm mit durchdringendem, aber lüsternem Blick entgegen und zieht dabei ihre schwarze Unterwäsche ein Stückchen nach unten. Er betrachtet es als Aufforderung und klickt auf ihr Profil um noch mehr Bilder sehen zu können und beginnt einen Live-Chat. Doch statt nackter Haut wird ihm etwas gezeigt, das seine Lust im Keim erstickt. Ein Opfer männlicher Gewalt. Luz Maria ist tot.

Am Donnerstag startete die Werbeagentur McCann zusammen mit der Menschenrechtsorganisation Le Mouvement du Nid eine Website, die auf den ersten Blick aussieht, wie eine Escort-Vermittlung. Doch dahinter steckt keinesfalls die Absicht, Frauen gegen Bezahlung stundenweise an Freier zu „vermieten“. Tatsächlich sind die Frauen, die auf der Website in Profilen vorgestellt werden, Opfer von Gewalt durch Zuhälter und Kunden geworden und an deren Folgen gestorben.

In Frankreich können seit dem 6. April diesen Jahres Freier haftbar gemacht und zu Geldstrafen verdonnert werden. Ein historischer Druchbruch, waren zuvor zwar schon Zuhälterei, Bordelle und Frauenhandel illegal, doch die „Kunden“ selbst blieben lange unbehelligt. Dabei würde es ohne Freier die Prostitution mit all ihrer Grausamkeit und Gewalt gar nicht erst geben. Ein Umstand, auf den die Seite Girls of Paradise aufmerksam macht.

Klickt man auf eines der Profile und nimmt Kontakt über den Live-Chat auf, bekommt man Bilder zu sehen, die das Ausmaß der Misshandlungen zeigen, denen die Frauen ausgesetzt waren. Nachrichten wie „Ich bin gestorben, ermordet von einem Kunden durch dutzende Stichwunden“ ploppen auf. Anstatt ein Telefonat mit Inés oder Murielle zu führen, hat man eine Stimme am anderen Ende, die einem genau erklärt, wie die Frau, mit der man eben noch sprechen wollte, zu Tode kam.

Aber es geht bei Girls of Paradise nicht „nur“ darum, den Opfern der Gewalttaten ein Gesicht zu geben. Vielmehr sollen die mutmaßlichen Täter schon im Vorfeld abgeschreckt und zum nachdenken gebracht werden. Prävention und Sensibilisierung lautet die Devise.

Prostitution ist eines der ältesten Gewerbe der Welt. Schon immer brachte es machtbesessene Männern hervor, die Frauen zu Ware reduzierten, ausnutzen und misshandelten. Das Internet verstärkt dieses Problem noch. Anonym im Netz sinkt die Hemmschwelle. Mann muss nicht mehr in dunklen Gassen umher schleichen, in der Hoffnung nicht erkannt zu werden und wird leichter und schneller zum Täter.  Denn ein gekauftes Date ist nur noch einen Click enfernt. Verantwortung für die Folgen tragen die wenigsten.

So schockierend Girls of Paradise ist, so deutlich weist die Seite auch darauf hin, wie menschenunwürdig die Welt der Escort-Services, Zuhälter und Freier ist. Und setzt damit genau dort an, wo sich etwas ändern muss.

Plötzlich ist der Blick von Luz Maria nicht mehr lüstern. Vielmehr eiskalt, leer, ängstlich, schmerzerfüllt. Alles schwingt mit, nur keine Lust.

Das Video zur Kampagne findet sich unter hier.

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Text: Laura Greiff
Bilder: McCann/Le Mouvement du Nid

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