Regretting Motherhood

vor 4 Wochen

Kinder gelten als Sinn des Lebens und so stellt das Mutterglück für viele Frauen das größte Geschenk auf Erden dar. Doch was, wenn man in seiner Mutterrolle nicht aufgeht und es bereut Mutter geworden zu sein?

“Wenn ich heute in der Zeit zurückgehen könnte, hätte ich natürlich keine Kinder bekommen. Das ist absolut offensichtlich für mich.”, sagt eine der Befragten im Rahmen der Studie „Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis“, von Orna Donath. Die israelische Soziologin interviewte 2015 im Rahmen dieser Studie insgesamt 23 Frauen unterschiedlichen Alters zu ihrer Zufriedenheit mit der Rolle als Mutter. Die Befragten befanden sich im Alter von Mitte 20 bis Mitte 70, haben ein bis vier Kinder im Alter von 1 bis 48. Fünf der Befragten waren bereits Großmütter. Wiederum fünf waren mittels künstlicher Befruchtung schwanger geworden, keine der Befragten wurde als Teenagerin Mutter, oder war von Beginn an alleinerziehend. Was diese breit gefächerte Gruppe an Frauen gemeinsam hat, ist die einstimmige Antwort auf die immer selbe Frage: „Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute, würden Sie noch mal Mutter werden?“ – Nein.

“Wenn ich heute in der Zeit zurückgehen könnte, hätte ich natürlich keine Kinder bekommen. Das ist absolut offensichtlich für mich.”

Die kurzzeitige depressive Verstimmung nach der Entbindung, der sogenannte „Baby Blues“, oder die langwierigere postpartale Depression sind mittlerweile gesellschaftlich mehr oder weniger akzeptierte Begriffe. Frauen, die hierunter leiden, können keine Bindung zu ihrem Baby aufbauen, leiden unter Angst- wie auch Zwangsstörungen, Panikattacken und zum Teil schweren Depressionen. Krankheit scheint der einzig halbwegs akzeptierte Grund für Unzufriedenheit mit der neugewonnen Mutterrolle zu sein.

Doch was, wenn dieses ungute Gefühl bleibt und man sich einfach nicht an die neue Rolle als Mutter gewöhnen kann? Frauen, die sich mit den Ergebnissen der Studie von Orna Donath identifizieren können, sind nicht krank. Ihrer Auffassung nach sind es vielmehr die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die die neugewonnene Rolle unerträglich machen: der enorme Verantwortungsdruck, der überwältigende Verlust von Selbstbestimmung und Freiheit, die Überforderung, Unsicherheit und Sorge, fehlende Zeit für sich selbst, Schlafmangel und Stress, die Neuordnung innerhalb der Partnerschaft, teils irreversible Veränderungen am Körper, die Schwierigkeit Familie und Beruf miteinander zu vereinen und, und, und. Unglücklich zu sein und etwas zu bereuen ist nicht dasselbe.

Die Studien-Teilnehmerinnen von Orna Donath legen größten Wert darauf, zwischen Objekt, also dem Kind, und Erfahrung, also der Mutterschaft, zu differenzieren: Sie bereuen es zwar, Mutter geworden zu sein, keinesfalls aber ihre Kinder. Sie lieben ihre Kinder bedingungslos und uneingeschränkt, lediglich die Mutterrolle wünschten sie rückgängig machen zu können. Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood teilen auch in Deutschland viele Frauen ihre Erfahrungen mit dem Mutterdasein und bekannten sich dazu, es zu bereuen, Mutter geworden zu sein.

Häufig wird das Bereuen von der Gesellschaft dem Scheitern in der Mutterrolle gleichgesetzt, was wiederum impliziert, dass es erst gar keine Option zu sein scheint, dass eine Frau vielleicht gar keine Kinder haben möchte. Und genau das ist, worauf Orna Donath aufmerksam machen möchte: Nicht jede Frau verspürt automatisch einen Kinderwunsch. Und das liegt nicht daran, dass sie womöglich noch nicht die vermeintlich richtigen Rahmenbedingungen wie Partner, Beruf, Eigenheim und finanzielle Absicherung geschaffen haben. Das liegt vielmehr daran, dass sie generell keine Kinder haben möchten. „Es sind ganz normale Frauen, die ihre Mutterrolle aber mit einer anderen emotionalen und kognitiven Haltung bewerten, als der soziale Kontext es verlangt.“, erklärt Orna Donath. Gepaart mit der medialen Darstellung des Mutterdaseins als ideales Glück und Nonplusultra einer jeden Frau, sind die Erwartungen selbstverständlich hoch. Einerseits die Erwartungen der Mutter an ihre Rolle, andererseits die Erwartungen der Gesellschaft an die Mutter. Wer als Frau keine Kinder bekommt, gilt als nicht vollwertig, gaben Befragte an. „Nicht jede Frau wächst automatisch, einer linearen Entwicklung gleich, in einen Kinderwunsch hinein“, sagt Orna Donath. Auch mit dem perfekten Partner, einem Eigenheim und ausreichend finanziellen Mitteln bereuten die Studien-Teilnehmerinnen ihre Entscheidung ein Kind zu bekommen.

Es überrascht nicht, dass sowohl Orna Donath, als auch die bekennenden Mütter auf starke Kritik stießen. Immer wieder wurde die Frage aufgeworfen, was denn die Kinder dazu sagen sollten, wenn sie einmal alt genug seien um zu verstehen, wozu sich ihre Mütter einst bekannten. Diese Frage ist absolut berechtigt, doch reiht auch sie sich wieder in das gesellschaftliche Erwartungs-Konstrukt an die Mutter: sich selbst für das Kind aufzugeben scheint selbstverständlich. Es steht außer Frage, dass die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, wohl durchdacht sein sollte. Letztlich geht es bei dieser Debatte jedoch um die Person, die sich hinter der Mutterrolle verbirgt.

Und ist es nicht auch eine sehr bedeutsame Errungenschaft, die in vielen Kulturen alles andere als selbstverständlich ist, als Frau die Wahl zu haben, ein Kind zu bekommen und auch über die damit einhergehenden Erfahrungen offen sprechen zu können?

 

Beitrag: Penelope Dützmann

Bild: Les Anderson via unsplash

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