Die Sache mit dem Schönheitsideal

vor 1 Woche

Es gibt viele Dinge, die uns im Laufe unseres Lebens prägen. Unsere Familie, unsere Freunde, unsere Gesellschaft. Und dann natürlich die Medien. Was letztere mit einem machen, erkennt man oft erst recht spät.

Wenn ich an meine ersten vorpubertären Schritte in der Welt der Beauty-Produkte denke, wird mir schlecht: viel zu helles Mousse Make-Up, viel zu helle Nylon-Strumpfhosen und der erbärmliche Versuch, meine Haare zu glätten. Ich verbrachte regelmäßig bis zu drei Stunden damit, vor dem Spiegel zu sitzen und Locke für Locke mit dem Glätteisen zu malträtieren. Verbrennungen an Kopfhaut und Händen, sowie vor Spliss nur so strotzende weiße Spitzen inklusive. Regnete es entgegen vorabendlicher Wetterprognosen, war alles umsonst und das Procedere ging von vorne los. All das nur, um möglichst so auszusehen, wie meine weißen Freundinnen. Ich versuchte krampfhaft einem (meinem damaligen) Schönheitsideal gerecht zu werden, das mir von den Medien vorgesetzt wurde.

Setzt man sich mit Beauty-Produkten auseinander, lernt man schnell, dass es ganz konkrete und sehr begrenzte Vorstellungen von Schönheit gibt. In aller Regel beinhalten diese weiße, makellose Haut, möglichst glattes Haar, einen Body-Mass-Index von allerhöchstens 20 und eine Altersgruppe bis maximal dreißig. Wer sich und seine phänotypischen Merkmale in den Regalen hiesiger Drogeriemärkte, auf Werbeplakaten oder im Fernsehen nicht wiederfindet, gehört nun mal nicht dazu.

Während der Pubertät, als ich die Welt der Nylonstrumpfhosen kennenlernte, stieß ich zum ersten Mal auf dieses Problem. Bis dato waren mir nur Baumwollstrumpfhosen mit dicken Nähten und Ringelmustern bekannt, die regelmäßig bis weit über den Bauchnabel gezogen wurden. Jetzt sollte man plötzlich zu Strumpfhosen greifen, die einzig dem Ziel dienten, möglichst unauffällig zu sein. Die Aufgabe, mit dunkler Haut eine passende Strumpfhose innerhalb eines Farbspektrums von Puder bis Champagner zu finden, konnte ich nicht meistern.

You were brainwashed into thinking european features are the epitome of beauty.

Im Grunde genommen fing dieses Brainwashing aber schon viel früher an: Der Buntstift zum Beispiel, den ich im Kindergarten benutzte, um die mit sehr viel Fantasie menschlich aussehenden Kreaturen auszumalen, war damals „die Hautfarbe“. Mir fiel damals schon auf, dass meine Haut eine andere Farbe hatte, dachte mir aus kindlicher Naivität aber nichts dabei. Bei meinem letzten Besuch im Bastelgeschäft dann, begegnete mir dieser schon längst in Vergessenheit geratene Farbton wieder. Einerseits amüsierte es mich, dass Nuancen irgendwo zwischen „creme“ und „hellrosa“ ernsthaft als „Hautfarbe“ bezeichnet wurden. Andererseits war ich erschrocken darüber, dass sich seit meiner eigenen Kindergarten-Zeit, sprich seit über 20 Jahren, absolut nichts verändert zu haben schien. Zwar findet man im Bastelgeschäft auch Bezeichnungen wie „medium skin“, „light skin“ und „dark skin“, allerdings ist das Farbspektrum, anhand dessen diese Nuancen gemessen werden, wirklich alles andere als repräsentativ. Es wird das Gefühl vermittelt, dass es die (dunkle) Hautfarbe ist, die falsch ist. Nicht die Industrie. Alle, die nicht in dieses begrenzte Spektrum passen, werden schlichtweg übergangen. So, als existierten sie nicht.

Wie weit die Auswirkungen dieses von klein auf indoktrinierten Schönheitsideals reichen, belegten bereits in den 1940er-Jahren die amerikanischen Wissenschaftler Mamie und Kenneth Clark. Im Rahmen des berühmten „Clark Doll Test“ zeigten sie den Probanden, Kindern zwischen drei und sieben Jahren, zwei Puppen, die bis auf ihre Hautfarbe identisch aussahen. Auf die Frage, welche der beiden Puppen die Nettere, die Schönere, die Bravere sei, schrieb ein Großteil der Kinder der weißen Puppe die positiven und der Schwarzen Puppe die negativen Attribute zu. Ungeachtet der eigenen Hautfarbe.

Der „Clark Doll Test“ zeigt, dass sich rassistische Vorstellungen der Gesellschaft insbesondere auf das Selbstbild der diskriminierten Gruppen auswirken. Selbsthass durch Brainwashing könnte man es auch nennen. Im asiatischen Raum wie auch in der Afro-Kultur sind Beautyprodukte zum Aufhellen der Haut, wie beispielsweise Bleaching Cremes, weit verbreitet. Innerhalb der afroamerikanischen Kultur kategorisiert man den natürlichen Haartyp anhand der Definiertheit der Locken und bezeichnet die Haarstruktur, die dem (weißen) Ideal einer Lockenpracht am nächsten kommt, als „good hair“. „Colorism“ nennt sich dieses Phänomen – Diskriminierung innerhalb der eigenen Community, gemessen an weißen Standards. Also die Vorstellung, dass People of Color, deren Erscheinungsbild weißen Merkmalen möglichst ähnelt, als besonders schön gelten. Sie sollen möglichst große Locken haben, möglichst helle Haut, möglichst schmale Lippen und eine möglichst schmale Nase. Alles in Anlehnung an die eine vermeintlich schöne Hautfarbe, an das eine vermeintliche Ideal.

Erwachsen zu werden ist anstrengend genug. Wenn dann noch die bittere Erkenntnis dazu kommt, dass das eigene Aussehen an sich unerklärlicherweise als weniger schön gilt, macht es das nicht unbedingt leichter. Vor allem als Kind ist man auf der Suche nach Vorbildern, mit denen man sich identifizieren kann. Man möchte sich in Magazinen, Büchern, Filmen oder in der Werbung wiedererkennen. Als Person of Color, insbesondere als Woman of Color in einer weißen Welt aufzuwachsen, bedeutet immer, niemals vollständig dazuzugehören.

In meiner Jugend war das durch die Medien vorgegebene Schönheitsideal noch sehr weiß – Diverstität wurde damals durch lange oder kurze, braune oder blonde Haare abgedeckt. Sah man auf Werbeplakaten dann doch mal eine Schwarze Frau, wurde diese höchstwahrscheinlich mittels Photoshop aufgehellt, mit dem Ziel so der breiten (weißen) Masse zu gefallen. Whitewashing nennt sich das. Mittlerweile hat sich dieses starre Idealbild ein wenig gelockert. People of Color sind heute medial etwas häufiger vertreten und zumindest keine unbekannte Randerscheinung mehr. Auch in der Modewelt gibt es seit ein paar Jahren eine (sehr langsam) steigende Tendenz nicht-weißer Models. Das ist zwar ein sehr bedeutsamer Schritt in die richtige Richtung, das Ziel – nämlich die realistische Darstellung von Frau, Mann und allen dazwischen – liegt jedoch noch in weiter Ferne. Und so ist es an uns, uns nicht von dem angeblichen Ideal verunsichern zu lassen, sondern ein persönliche Vorstellung von Schönheit zu gewinnen.

Hab ich es schon erwähnt? Erwachsen zu werden, insbesondere als Frau, ist anstrengend. Es beinhaltet die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der Frage wer man ist und wofür man steht. Man ist sowieso schon verunsichert, vergleicht sich mit anderen und zweifelt an sich selbst. Und damit mein Selbstwertgefühl an den durch die Medien indoktrinierten Standards nicht zugrunde geht, beschloss ich irgendwann meine Haare nicht mehr zu glätten. Mich nicht mehr an weißen Maßstäben zu messen. Es dauerte einige Zeit, doch Schritt für Schritt begann ich, mein Schwarzsein zu lieben und mich von anderen Women of Color inspirieren zu lassen. Es gab kein besonderes Ereignis, das mich zu diesem Sinneswandel brachte, sondern geschah vielmehr im Laufe der Zeit. Es war ein längerer Prozess der Selbstakzeptanz und die Auseinandersetzung mit mir selbst, mit der Herkunft meiner Familie. Mittlerweile fühle ich mich wohl und ich finde mich schön so wie ich bin. Und das kommt nicht nur dadurch, dass ich meine Haare anders trage. Es kommt daher, dass ich meine Identität gefunden und es geschafft habe, mich dem weißen Ideal zu widersetzen. Dinge, für die ich mich früher geschämt habe sind zu Dingen geworden, die ich an mir liebe.

 

Beitrag: Penelope Dützmann

Bild: rawpixel via Unsplash

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