Weekend Reads zum Wochenende

vor 3 Monaten

Die verborgenen und hochgelobten Bücher – unsere vier Leseempfehlungen für euch.

Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch – Sophie Passmann

Die deutsche Autorin und Radiomoderatorin Sophie Passmann, 25 Jahre jung, will das Patriarchat abschaffen. Mit ihrem, am 7. März erschienen Buch „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“, entfachte sie eine Welle der Entzückung auf der einen, und Empörung auf der anderen Seite. Für ihr Gesprächsband traf sie mächtige Männer, um mit ihnen darüber zu sprechen: »Sind Sie ein alter weißer Mann und wenn ja – warum?« Die Texte, die daraus entstanden, wurden von der Autorin um eigene – häufig provokante –Anmerkungen ergänzt.

 „Spätestens dann, wenn man versucht, die großen Krisen der Gesellschaft zu lösen, Sexismus zum Beispiel, nützt die argumentative Selbstgeißelung […] nicht der Sache. […] Patzelt ist vielleicht kein Vorzeige-Sexist, er ist aber in jedem Falle sehr bequem. Wenn also der Feminismus von ihm verlangt, beim Abwasch zu helfen, weil auch Frauen Menschen sind, scheint er recht lustlos. Wenn er aber einen Job nicht bekommen würde wegen der Frauenquote, ist er nicht abgeneigt. Wohlwollender kann man auch sagen, Patzelt will erst die großen Probleme lösen, ehe er zu Hause auch mal durchfegt.“ (Auszug aus „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“, Sophie Passmann, 2019)

Wer auf der Suche nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage „Wer bzw. wie ist ein weißer alter Mann?“ ist, wird wohl enttäuscht werden. Die Autorin liefert keine Definition, keine neuen Thesen und auch keine neuen Argumente. Ebenso ist das Buch weder eine wissenschaftliche Abhandlung noch ein feministisches Manifest. Ihre Waffen im Geschlechterkampf heißen Humor und Ironie. Mit Charme, Witz und Gerissenheit arbeitet sie das Thema Macht, Dreh-und Angelpunkt der Geschlechterfrage, heraus.

„Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch.“ ist hier erhältlich.

 

Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche – Reni Eddo-Lodge

Bei allen unentrinnbaren Stereotypen ist das Meisterwerk „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge eine Pflichtlektüre. Die in London geborene Bloggerin und Journalistin, u. a. für „The Guardian“ und „The New York Times“, wurde für ihr erstes Buch „Why I’m No Longer Talking to White People About Race“ 2018 mit dem British Book Award ausgezeichnet. Seit Ende Januar diesen Jahres ist es auch in deutscher Fassung erhältlich.

„Ich spreche nicht länger mit Weißen über das Thema Hautfarbe. Das betrifft nicht alle Weißen, sondern nur die große Mehrheit, die sich weigert, die Existenz von strukturellem Rassismus und seinen Symptomen anzuerkennen. Ich kann mich nicht mehr mit der emotionalen Distanz auseinandersetzen, die Weiße an den Tag legen, wenn eine Person of Colour (PoC) von ihren Erfahrungen berichtet. Man sieht, wie sich ihr Blick verschließt und hart wird. Es ist, als würde ihnen Sirup in die Ohren gegossen, der ihre Gehörgänge verstopft. Es ist, als könnten sie uns nicht mehr hören.“ (Auszug aus „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“, Reni Eddo-Lodge, 2019)

Spricht sie über Privilegien der Weißen verbindet sie damit weder das Schwelgen in Reichtum noch übertriebenen Luxus. Auch sie weiß, nicht alle Menschen mit weißer Hautfarbe haben es leicht.

White privilege ist die Tatsache, dass deine Hautfarbe, wenn du weiß bist, den Verlauf deines Lebens mit großer Sicherheit positiv beeinflussen wird. Und du wirst es wahrscheinlich nicht einmal bemerken.White privilege ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr mit Weißen über Hautfarbe spreche. Leute mit vor Ungläubigkeit versteinerten Gesichtern zu überzeugen, war noch nie mein Ding. Das Konzept von white privilege zwingt Weiße, die nicht aktiv rassistisch sind, sich mit ihrer eigenen Komplizenschaft bei der Aufrechterhaltung seiner Existenz zu konfrontieren. White privilege ist stumpfsinnige, zermürbende Selbstgefälligkeit.“ (Auszug aus „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“, Reni Eddo-Lodge, 2019)

Am besten lassen wir sie selbst sprechen! Das Buch ist unter anderem hier erhältlich.

Kaffee und Zigaretten – Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirachs neues und damit zehntes Buch „Kaffee und Zigaretten“ bringt auf 185 Seiten 48 unterschiedliche Kurzerzählungen zusammen.

„Mal ein Dialog von 37, mal eine kleine Beobachtung von acht Zeilen. Das richtige Buch für die S-Bahn. Kein Zusammenhang, den man sich merken muss. Meist eine kleine Pointe. Oft auch eine Moral oder doch das, was man sich bereits dachte. Glossen, Feuilletons. Freundlich, ohne Schärfe. In einem größeren Stück spricht der Autor über seinen Großvater Baldur von Schirach, der für die Deportation der Wiener Juden in die Vernichtungslager zuständig war.“ (Berliner Zeitung)

Einen größeren Zusammenhang gibt es in „Kaffee und Zigaretten“ nicht. Dennoch gilt das neue Buch als Schirachs persönlichstes Werk. Zumindest in seiner ersten Erzählung geht es in die Vergangenheit seiner Kindheit. Worum wird es in den 47 folgenden Texten gehen? Gibt es eine Beziehung zu Schirachs Kindheit und seiner Verteidigung des Rauchens und des großen Rauchers Helmut Schmidt? Dies herauszufinden ist eine Aufgabe, die Schirach seinen Leserinnen und Lesern überlässt.

„Kaffee und Zigaretten“ ist seit dem 04. März hier erhältlich.

 

Frauenbefreiung und sexuelle Revolution – Shulamith Firestone

Die kanadische Schriftstellerin Shulamith Firestone gilt als eine der zentralen Begründerinnen des radikalen Feminismus in der Geschichte der Vereinten Staaten. Neben Simone de Beauvoir zählt sie zu einer der einflussreichsten Theoretikerinnen der internationalen Frauenbewegung der 1960 und 1970er Jahre. Mit ihrer Schrift „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“ – im Original „The Dialectic of Sex“ – thematisiert sie den Zusammenhang von Kapitalismus und Feminismus – ein Dauerthema der gegenwärtigen feministischen Diskussionen.

Im zarten Alter von 25 Jahren analysierte und kritierte Firestone furchtlos die Gesamtstruktur, auf der die damalige Gesellschaft gründete. Ihr methodisches Vorgehen überzeugt mit Logik, Stringenz und einer immer in ihr zehrenden Wut. Grundlage war ihr die Marxsche Methode, die Psychoanalyse Freuds und der dialektische Materialismus.

Von vielen ihrer Zeit als „verrückt“ gebrandmarkt, sieht sie den einzig wahren Befreiungsschlag der Frau nicht in der Abschaffung männlicher Privilegien, sondern in der Auslöschung der Geschlechterunterschiede an sich. Sie will eine androgyne Kultur schaffen, in der alle sexuellen Dualismen überwunden werden. Erst dann existiere eine befreite Gesellschaft.

Ihr Werk ist zugleich ein Appel an Frauen ihrer Zeit, die „Tyrannei der biologischen Familie“ zu zerschlagen.

„ [..] wenn es einer revolutionären Bewegung überhaupt gelingen kann, egalitäre Strukturen durchzusetzen, dann wird es der radikale Feminismus sein. Die Infragestellung der wesentlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern und zwischen Eltern und Kindern bedeutetm daß das psychologische Grundmuster von Herrschaft und Unterordnung aus den Angeln gehoben wird. Weil diese Psychologie der Macht politisch überprüft wird, ist die feministische Bewegung die erste, die auf eine materialistische Weise an dieses Problem herangenagnen ist“ (Auszug aus „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“, Shulamith Firestone, 1970)

Die Intellektuelle aus New York starb 2012 und hinterließ der Nachwelt ein unvergessliches Werk, dass heute an Aktualität und Brisanz nicht verloren hat.

„Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“ könnt ihr bei Ebay, Amazon oder Etsy – in deutsch und englisch – erwerben.

 

 

 

 

Texte: Teresa Löckmann

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