„Ich stelle mir gerne vor, dass ich furchtlos bin.“

vor 3 Monaten

Als Tochter iranischer Eltern in einer kleinen Stadt in Schweden aufgewachsen, kennt Nadia Tehran das Gefühl nicht dazuzugehören sehr gut. Ihr Außenseiter-Dasein gab ihr aber auch den Mut, ihre Stimme zu erheben und eine Musikkarriere zu starten. Dabei geht die junge Frau durchaus radikal vor: Das im vergangenen Jahr veröffentlichte Musikvideo zu ihrer Single „Refugee“ drehte sie mit der Hilfe ihrer Familie und Freunde im Iran, einem Land, in dem es Frauen verboten ist zu singen. Nach der Veröffentlichung des Videos ist es unklar, ob Nadia Tehran jemals wieder in das Heimatland ihrer Familie einreisen darf, hat sie mit dem Dreh nicht nur eines, sondern gleich unzählige Gesetzte gebrochen. Mit Fräulein sprach die Musikerin über ihre Musik als ihr Sprachrohr und darüber, was Freiheit für sie bedeutet.

Wann hast du damit angefangen Musik zu machen? 

Ich mache schon mein ganzes Leben lang Musik, so genau kann ich es also nicht sagen. Ich kann mich nicht an die Zeit erinnern, in der ich nicht auf Tischen getrommelt und mir dazu Songtexte ausgedacht habe.

Hattest du immer schon die Absicht mit deiner Musik eine politische Aussage zu treffen? 

Da habe ich anfangs natürlich nicht dran gedacht. Aber grundsätzlich muss ich sagen, dass Kunst in meinen Augen immer politisch ist. Egal ob man darüber sprechen will oder nicht. Als ich dann gemerkt habe, dass es anderen Leuten ähnlich geht wie mir und ich mit meinen Gefühlen nicht allein bin, habe ich realisiert, dass Musik eine gute Plattform ist für ein Mädchen wie mich.

Was meinst du damit, ein Mädchen wie dich? 

Ich bin weder schwarz noch weiß, bin weder Christin noch Muslima, komme weder aus dem Iran noch aus Schweden. Ich bin jemand der irgendwo dazwischen ist, habe nie richtig dazugehört. Eine lange Zeit lang hab ich mich deswegen sehr alleine gefühlt. Aber eigentlich gibt es viele von uns. Wir haben es nur nie erkennen können, weil wir uns immer allein gefühlt haben. Und wie ich immer sage: „Alienation can build a nation“. Niemand ist alleine.

Würdest du sagen, dass du ein Vorbild für andere junge Frauen bist? 

Es war nie meine Absicht irgendjemandes Vorbild zu sein. Vielmehr wollte ich einfach Musik machen. Aber ich hab eine große Reichweite und Fans, die es interessiert was ich sage, die sich vielleicht ähnlich fühlen wie ich. Und natürlich möchte ich meine Stimme nutzen und die Themen ansprechen, die mir selbst am Herzen liegen. Die Rolle des Vorbilds kam dann irgendwann von ganz allein dazu.

„Alienation can build a nation“

Dein Vater unterstützt dich sehr bei deiner Karriere und deiner Musik. Er ist mit dir in den Iran gefahren um das Musikvideo zu deinem Song Refugeezu drehen, welches gleich mehrere Gesetze vor Ort gebrochen hat. Wie reagiert der Rest deiner Familie auf deine Musik?

Meine Familie unterstützt mich in allem, was ich tue – mittlerweile. Das war leider nicht immer so, als ich im Alter von 12 Jahren angefangen habe in einer Punkband zu spielen und mir Piercings gestochen habe, waren meine Eltern nicht begeistert. Es hat lange gedauert bis sie mich als den Menschen akzeptieren konnten, der ich nun einmal bin. Aber ja, mittlerweile unterstützen sie mich voll und ganz.

Für deine Karriere bezahlst du natürlich auch einen hohen Preis. Aufgrund des Videodrehs kann es sein, dass du nie wieder in das Land einreisen darfst, in dem ein Großteil deiner Familie wohnt. Gibt es Momente in denen du kurz die Luft anhältst und dich fragst: Ist das alles es wirklich wert? 

Ja, jeden Tag. Mir ist bewusst, dass ich einen hohen Preis zahle und es macht mich wirklich traurig, wenn ich darüber nachdenke. Aber mein Video hat Aufmerksamkeit auf ein mir sehr am Herzen liegenden Aspekt gelenkt und darauf bin ich sehr stolz. Und obwohl es mich traurig macht kann ich sagen, dass ich immer wieder so handeln würde.

In welcher Situation fühlst du dich absolut frei?

Das ist eine schwierige Frage: Kann ein Mensch denn wirklich frei sein? Aber am ehesten verspüre ich ein Gefühl dieser Art, wenn ich auf der Bühne stehe. Wenn ich ganz alleine vor meinen Fans stehe und mich um nichts sorgen muss als einen guten Auftritt hinzulegen. Das ist Freiheit für mich.

Du wirkst unglaublich stark, als hättest du vor dem, was du tust, keinerlei Angst. Würdest du dich selbst als furchtlos beschreiben?

Nein, ich stelle mir gerne vor, dass ich furchtlos bin. Ich stelle mir vor, dass ich immer stark bin und mich nichts daran hindern kann meine Musik zu machen und auf der Bühne zu performen. Aber natürlich begleiten mich auch Ängste, genauso wie jeden anderen Menschen auch. Furchtlosigkeit ist vielleicht ein zu großes Wort um einen Menschen zu beschreiben. Meine Vorstellung gleicht also eher einem Wunschdenken als der Realität.

Wer Nadia Tehran live erleben will hat am 24. Juni 2017 in Berlin die Chance.

 

Interview: Pia Ahlert
Fotos: Duo Blau

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