Polyamorie – die Zukunft der Liebe?

vor 3 Monaten

Die monogame Liebesbeziehung begegnet uns überall und beeinflusst unsere Selbstwahrnehmung. Dabei ist sie stärker sozial konstruiert als oft angenommen.

Egal wo man hinblickt, in unserer westlichen Gesellschaft wird man überall mit dem Ideal der monogamen, meist heteronormativen Zweierbeziehung konfrontiert: ob Musik, Film oder Werbung. Liebe wirkt als Verkaufsklassiker. Lachende Pärchen versprechen, mit diesem oder jenem Produkt werden Sie endlich den oder die Richtige/n finden. Auch ein ganzer neuer Businesszweig ist auf Basis der Suche nach Liebe entstanden: die Datingplattformen. Und die ganze Zeit vermitteln diese Dinge, dass einem als Single etwas fehle. Das Gefühl entsteht, man wäre nicht komplett ohne zweite Hälfte. Dies lässt viele jahrelang verzweifelt nach dem passenden Partner suchen.

Liebe wird wahrscheinlich von der Mehrzahl der in westlichen Gesellschaften lebenden Menschen als natürliches Bedürfnis und Empfinden wahrgenommen. Heirat und Familiengründung stellen weiterhin zentrale Lebensziele dar. Allerdings ist die Bindung zweier Menschen basierend auf Liebe ein recht neues Phänomen. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Möglichkeit und auch Notwendigkeit Liebesheiraten durchzuführen. Gleichzeitig wird die Selbstverständlichkeit von Monogamie derzeit immer mehr in Frage gestellt. Immer öfter wird erst nach dem 30. Geburtstag oder gar nicht geheiratet und zunehmend betreiben grad junge Menschen in Großstädten offene Beziehungen.

Die Soziologin Liv Strömquist argumentiert, dass das moderne Verständnis von Liebe und Beziehungen historisch betrachtet gar nicht so natürlich, sondern ein soziales Konstrukt sei. In ihrem Graphic Novel “Der Ursprung der Liebe” geht sie der Entstehung auf den Grund und mag wohl so einige Romantiker mit ihren Analysen schocken. Inspiriert von ihren Ausführungen hinterfragen wir, inwieweit es die romantische Liebe tatsächlich gibt und welche Alternativen sich bieten.

Wahrscheinlich fragen sich jetzt viele: dieses Gefühl soll nur sozial konstruiert sein? Es kann sich so real anfühlen: das Verlangen nach einer Beziehung, der Wunsch nach Geborgenheit und einem Ankommen in einer eigenen Familie. Und was ist mit dem Gefühl der Verliebtheit? Das kann doch nicht nur sozial konstruiert sein? Wenn, dann werden da meist noch ein paar biologische oder hormonelle Einflüsse vermutet. Doch auch die mystische Seelenverwandtschaft hält sich in dieser eigentlich so sehr auf Wissenschaft bedachten, rationalen Welt als Vorstellung recht stark. Manchmal scheint es, als stelle die Liebe für einige eine Art Ersatzreligion dar.

 

Wie die heteronormative Monogamie zum Ideal wurde

Liv Strömquist erklärt in ihrem Comic sehr humorvoll, wie sich die romantische heterosexuelle Liebe zu dem entwickelt hat, was sie heute ist. Laut Strömquist musste die Liebe das Ideal werden, um die Gesellschaft am Laufen zu erhalten. Mit dem Aufkommen des Kapitalismus in Form von Urbanisierung, Industrialisierung und dem Zusammenbruch der feudalen Ordnung wurden Männer im 19. Jahrhundert unabhängig von alten familiären Verprlichtungen und arrangierten Ehen. Diese wurden jetzt auf dem freien Markt verhandelt. Während die Männer frei wurden von alten Zwängen, durften Frauen jedoch nicht arbeiten, erben und mussten zum Überleben sich einen Mann suchen. Um Männer überhaupt weiterhin vom Konstrukt Ehe überzeugen zu können, wurde Sex zum einzigen Handelsmittel: erst durch Heirat ist Sex erhältlich. Obwohl Sex schon lange religiös und kulturell gemaßregelt wurde, wurde erst in dieser Zeit die Gesellschaft sehr prüde und Sex außerhalb der Ehe ein wahre Schande. Das sexuelle Eigentumsrecht wurde mit Liebe und Ehe in Verbindung gebracht. In der feudalen Gesellschaft war es mehr sozial akzeptiert trotz Ehe noch Nebenfrauen, Geliebte oder Prostituierte zu haben, da Ehe nicht mit Liebe einherging.

Doch wieso hat sich dieses Konstrukt bis heute gehalten? Frauen brauchen einen Mann doch nur noch selten als Ernährer. Strömquist erklärt, dass das Marktsystem erst das Gefühl der Liebe produziert habe. Die selbstständige Suche nach einem passenden Partner auf dem freien Markt ist alles andere als leicht und geht oft mit Ablehnungen und so einigen negativen Erfahrungen einher. Dies erzeugt starke Emotionen von Angst über Aufregung zu Hoffnung. Und durch diese Art von emotionalen Verhandlungen soll erst das Gefühl der Liebe bzw. des Verliebtseins entstanden sein.

Strömquist nimmt zudem die unterschiedlichen traditionellen Geschlechterrollen unter die Lupe, die sich im 19. Jahrhundert bis heute bildeten. Während der Mann auf seine Unabhängigkeit pocht, kann er unbewusst nicht ohne Frau leben, macht ihr aber dabei durch seine Distanz und Unfähigkeit der Kommunikation das Leben schwer. Die Frau wiederum sucht nach Nähe und auch, wenn der Mann sie nie richtig an sich emotional ran lässt und auf Distanz hält, kann sie sich nicht wirklich von ihm lösen. Als Beispiele nennt die Autorin hier Hauptfiguren verschiedener Serien – von Alle lieben Raymond bis Two and a half men – die immer die selben Witze reißen und mit dem Klischee des bindungsunfähigen Mannes spielen.

Diese ungesunden Beziehungsmuster werden bei heteronormativen Familien oft von Generation zu Generation weitergegeben. Frau und Mann fühlen sich unvollkommen, weil ihnen oft nur beigebracht wird eine Seite zu leben: die Konzentration auf soziale Beziehungen oder auf Autonomie. Der Mann lernt nicht über seine Gefühle zu reden und die Frau ist die ganze Zeit auf ihre Umgebung bezogen und hat nicht gelernt, sich selbst Subjekt zu sein. Dies erzeuge schließlich auch das Gefühl jemand Anderen zu brauchen, um die eigenen fehlenden Anteile auszufüllen.

Die sozialpsychologischen Analysen von Strömquist sind unglaublich lehrreich und man fühlt sich, als würde die ganze Realität auseinander genommen. Betrachtet man seine eigene Verliebtheit stellt man fest, dass diese oft mit bestimmten Ritualen einhergeht. Jedes Paar praktiziert eigentlich ähnliche Dinge und oft sind diese dafür verantwortlich die Verliebtheit am Laufen zu halten oder gar erst zu erzeugen. Mit Musik kann man sich regelrecht in einen Zustand der Verliebtheit hinein träumen. Umso mehr man diese liebesbesingenden oder erzählenden Medien konsumiert, umso stärker fühlt sich das Gefühl der Verliebtheit an.

Einige mögen jetzt wahrscheinlich die biologischen und psychologischen Aspekte des Verliebtseins ansprechen und diese sollten nicht ausgeblendet werden. Oft ist es schwer, genau zu sagen, welche unserer heutigen Verhaltensweisen sozial oder biologisch konstruiert sind. Jedoch ist bei der Liebesheirat und Monogamie auf jeden Fall von starken kulturellen Einflüssen auszugehen. So gibt es unter den Tieren sehr wenige, die monogam leben und auch unter den Menschen finden sich viele Kulturen, in denen diese nicht der Standard sind. Tatsächlich sollen nur 16 % der menschlichen Kulturen Monogamie als Lebensform vorschreiben.

Interessant sind auch die psychologischen Untersuchungen zu Beziehungen. Studien haben mehrfach gezeigt, wie die Auswahl und Suche nach einem Partner stark mit den eigenen Kindheitserfahrungen zusammenhängt. Bei Einigen fühlt sich der Wunsch nach einer Form von stabilen, geborgen Beziehungen so vehement an, da nach einer Möglichkeit gesucht wird, misslungene Eltern-Kind Beziehungen zu kompensieren. Und da wir in einer Gesellschaft leben, in der Monogamie der Standard ist, wird vielleicht vor allem auf diesem Wege nach der nötigen Bestätigung und Halt gesucht.

Aber selbst, wenn man sich all diese Dinge bewusst macht, heißt das nicht, dass wir auf einmal alle glücklich und ohne jegliche Eifersucht in polyamoren Beziehungen leben können. Unsere erlernten Verhaltensweisen und Beurteilungsmuster sind schwer abzulegen und viele können sich nicht einmal vorstellen, wie sich Liebe auf mehrere Personen verteilen soll. Ist das überhaupt machbar?

 

Polyamores Leben und Verwirrung in Zeiten von marktorientiertem Dating

Auch wenn die monogame Beziehung heut noch ein wichtiges gesellschaftliches Ideal darstellt, findet immer mehr ein Hinterfragen von Geschlechterrollen statt. Beziehungen ändern sich und entsprechen nicht mehr überall den von Strömquist beschriebenen Aspekten und viele versuchen sich an offenen Beziehungen. Wenn man ehrlich ist, funktioniert lebenslange Monogamie ja tatsächlich äußerst selten – betrachtet man nur die hohen Scheidungsraten. Oft hatten im 20. Jahrhundert Ehen nur aus ökonomischen Gründen so lange Bestand, aber mit der Emanzipation der Frau ist diese zum Glück meist nicht mehr gezwungen mit einem Partner zusammen zu bleiben.

Immer mehr Menschen wollen sich nicht mehr auf eine Person romantisch oder sexuell festlegen und viele fragen sich, ob es überhaupt möglich ist, all ihre Wünsche in einer Person zu finden. Die Vielschichtigkeit des modernen Lebens und der Optimierungsdruck erschweren schließlich zusätzlich das Finden eines passenden Partners, der all die scheinbar notwendigen Anforderungen erfüllt. Und diese sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr gestiegen: Der Partner sollte möglichst Seelenverwandte/r, Freund/in, Vater/Mutter-Figur, Geliebte/r, Ernährer/in, vielleicht noch Therapeut/in sein und all die geliebten Hobbies teilen.

Die Soziologin Eva Illouz sieht genau darin das Scheitern von heutigen Beziehungen und vermutet (wie Strömquist) in ihrem Buch “Warum liebe weh tut”, dass Liebe durch den Kapitalismus zu einem Markt wurde, in welchem immer nach etwas besserem gesucht wird. Gleichzeitig führe dies dazu, dass wir unseren Selbstwert immer mehr von unserem erdachten Marktwert abhängig machen, insbesondere Frauen. Während Frauen lange Zeit von Männern aus ökonomischen Gründen abhängig waren, seien sie zumindest nicht in diesem Maße von der männlichen Bestätigung abhängig gewesen, da die Beziehung nicht auf der Idee der Liebe basierte. Heute hingegen hängt unser Selbstwert von der Suche und der Erfüllung aus Beziehungen ab. Und vielleicht erzeugt ja auch genau dieser Umstand ein Gefühl der Verliebtheit: der Wunsch und schließlich die Erfüllung von Bestätigung durch eine Person, die wir anziehend finden. Passend zu Strömquists Idee des Verhandlungsprozesses, bestehend aus einem bunten Mix von Gefühlen, die das so verwirrende Gefühl der Verliebtheit erzeugen.

Natürlich gibt es den Menschen inhärenten Wunsch und die Notwendigkeit in Kontakt mit anderen Menschen zu stehen. Wir sind soziale Wesen. Jedoch stellt Monogamie eben nicht die einzig wahre Variante dar, eine Form von sozialer Nähe zu leben. Entwickelt sich Polygamie angesichts aktueller Trends vielleicht sogar als die Zukunft? Auch Illouz appelliert dazu, zu überlegen, welche Alternativen uns geboten sind, um zukünftige Generationen großzuziehen angesichts des Nicht-Bestehens von Beziehungen. Liebe sei nicht tot, aber die zunehmende Organisation der Liebe nach Marktprinzipien führe zu immer mehr Verwirrung und Unverbundenheit.

Ein großes Problem der Polygamie stellt für die meisten die Eifersucht dar und diese wird oft als Argument verwendet, warum Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen natürlich nicht möglich seien. Doch es gibt einige kulturelle Beispiele die nahelegen, dass Eifersucht auch nur sozial erlernt sei. Neben heute noch bestehenden polygamen Kulturen, gab es z.B. bei einem Amazonas-Volk lange Zeit die Überzeugung, dass Frauen mit möglichsten vielen Männern schlafen sollten, um ein Kind zu zeugen. Dieses erhielte damit die besten Charaktereigenschaften eines jeden an der Zeugung beteiligten Mannes. Diese Vorstellung zerwirft patriarchale besitzergreifende Überzeugungen und zeigt, dass Eifersucht erlernt ist. In der Überzeugung dieses Volkes war Polygamie schließlich sogar notwendig, um die Menschheit zu erhalten.

 

Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen

All diese Beobachtungen können ein bisschen ernüchternd klingen und lassen einen fragen, ob es sowas wie Liebe denn dann überhaupt gibt. Vielleicht sollte man jedoch auch einen Unterschied zwischen der romantischen Vorstellung von Liebe und der Liebe im Sinne von tiefer Verbundenheit sehen, unabhängig von dem ganzen Gefühlsgedusel. Und letztere ist auch nicht nur auf romantische Beziehungen zu beschränken – so lieben wir ja auch Familienmitglieder und Freunde. Die Verliebtheit oder romantische Liebe wiederum scheint in Anlehnung an Strömquist und Illouz wohl eher eine Mischung aus kulturellen, psychologischen und hormonellen Zusammenwirkungen zu sein.

Durch die Lektüre von Strömquists Werk wird vor allem deutlich, wie befreiend es sein kann zu begreifen, dass monogame Liebesbeziehungen kulturell idealisiert und nicht notwendig sind, um glücklich zu sein. Man darf sich auch ohne diese komplett fühlen. Natürlich jedoch verbunden mit einigen Herausforderungen in dieser Pärchen-bezogenen Gesellschaft. Da ist es schon erfrischend Tinderkampagnen zu sehen, die mit Slogans wie “Single tut, was Single tun will”, nicht die Pärchenbeziehung als Endgoal der Datingapps stilisiert. Es gibt verschiedene Wege sein Leben zu leben und es ist eine Herausforderung den richtigen Weg für sich zu finden – die Hinterfragung von althergebrachten Beziehungsmodellen bietet dabei eine wunderbare Möglichkeit sich von gesellschaftlichen Zwängen etwas zu lösen.

 

Text: Stefanie Triebe

Bild: Unsplash

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