Was bedeutet zeitgenössischer Feminismus? #1

vor 6 Jahren

Girlpower! Support your local girlgang, bitte. We should erstens all be feminists und zweitens: Trust the girls! Ach übrigens, periods are cool. Periods. Werbung und Medien trichtern uns dieser Tage ein, dass wir alle Feministinnen sind. Fotos auf Instagram und Marken verklickern uns, dass es cool ist, eine Frau zu sein und das möglichst auch zu zeigen.

Wir Fräuleins haben uns gefragt: Was hat es damit auf sich? Immerhin sind wir hier die Frauen – und nicht irgendwelche Firmen. Deshalb wollen wir eine neue Serie ins Leben rufen, die jeden Sonntag fragt: Was bedeutet das eigentlich für uns ganz persönlich – Feminismus? Der erste Beitrag kommt von unserer Redakteurin Alicja Schindler.

Die Welt steht Kopf. Das, was früher in Nischen abseits normierter gesellschaftlicher Vorstellungen angesiedelt war, ist Mainstream geworden. Feministinnen sind keine latzhosentragenden, Fäuste ballenden Power-Frauen mehr. 

Sie tragen jetzt stylische Jeansjacken mit roter Girls-Schreibschrift und taillierte Shirts, die mit geschwellter Brust Girlpower verheißen. Sie tragen Riots not Diets-Shirts von Monki, die es dort von Größe XS bis L zu bestellen gibt. Sie teilen die neue #imperfect-Ästhetik der Schamhaar-zelebrierenden Fotokampagne der Schuhmarke Zign auf Facebook mit ihren Freundinnen. Sie feiern die erste weibliche Chefdesignerin bei Dior und tanzen zu Beyoncés Flawless, während sich die Zeilen von Adichies Essay – aufgeschlagen auf dem Schreibtisch und als Slogan auf den Shirts auf dem Laufsteg – sich in ihren Köpfen überlagern und neonpink dauerblinken. Sie freuen sich, dass der erste Mann zum Covergirl eines Make-up-Labels wird und dass Alicia Keys sich gar nicht mehr schminkt. Sie lesen Blogs wie femtastics oder Trust the Girls und teilen Achselhaar-Blitzer und #girlsquats auf Instagram.

Das alles glitzert ziemlich. Es macht Spaß, sich Feministin zu nennen. Das hat nichts mehr mit Alice Schwarzer zu tun, sondern eher etwas mit Laurie Penny, Lena Dunham, Virgina Woolf oder Beyoncé. Wenn überhaupt. Wörter wie empowerment, diversity, sisterhood und imperfection sind schick. Haben wir ein Stück feministischen Kuchen aus Amerika importiert oder woher kommt das?

Klar, dass Lena Dunham mit ihrem Lenny-Letter viele Ausdrücke in die Diskussion gebracht hat und irgendwie macht es ja auch Spaß so zu reden. Aber schaffen wir es nicht, eine eigene Sprache für diese wichtigen Begriffe zu finden? Ist es nicht grundlegend für eine gesellschaftliche Veränderung, dass es Wörter für das gibt, was man in der Realität erschaffen will? Vielleicht könnte es ein erster Schritt sein, Wörter wie diversity oder empowerment in der Sprache zu fassen, mit der wir aufgewachsen sind, um den Inhalt dieser Ausdrücke in einem zweiten Schritt in unserer eigenen, kulturellen Wirklichkeit etablieren zu können.

Einerseits habe ich selbst Bock, mit #girlpower-Shirt rumzulaufen und mich nicht darum zu kümmern, ob das, was darauf geschrieben steht, oberflächlich ist oder nicht. Trotzdem bekomme ich das schale Gefühl nicht los, Feminismus dann als Label zu tragen. Und es dabei zu belassen. Als etwas, das mir kommerziell orientierte Marken am Vorabend auf dem Stuhl neben dem Bett, duftend und frisch gebügelt, für den nächsten Morgen zurecht gelegt haben. Riecht Feminismus neuerdings nach Weichspüler? Oder muss ich mich erst einmal mit meinem Girlpower-Shirt durch den Dreck wühlen, um als Feministin für voll genommen zu werden? Oder reicht es stattdessen vielleicht auch, wenn ich mich erst einmal durch die auf bento und i-D empfohlenen Bücherlisten für Feminsmus-EinsteigerInnen lese?

Es gibt so viele Widersprüche und so viele Fragen und dabei habe ich jedes Mal das Gefühl, dass ich vollkommen richtig liegen muss, wenn ich etwas zu dem Thema sage. Ich habe Angst davor, jemandem auf den Schlips zu treten und keine Lust auf blöde Kommentare. Schließlich bin ich selbst eine junge Frau und will mich nicht als komplett planlos outen. Feminismus hat eine Geschichte und zu viele Menschen geben einem das Gefühl, diese von vorne bis hinten kennen zu müssen, um die Brust unter dem #Girlpower-Slogan schwellen zu dürfen. Wir feiern Frauen aus Amerika und England – hauptsache weit weit weg. Vielleicht sollten wir einfach anfangen, uns selbst zu feiern, statt irgendwelche Werbeagenturen für ihre glorreichen Ideen zu loben – oder sie daraufhin zu hinterfragen. Eigentlich ist es doch egal, ob Feminismus nun positiv oder negativ besprochen wird. Er ist Teil des alltäglichen Diskurses geworden. Ich frage mich: In welcher Welt leben wir eigentlich, in der ein Thema erst dann wirklich wichtig wird, wenn Markenwerbung es uns vor die Nase setzt?

Einerseits freue ich mich darüber, dass ich durch diese kommerzialisierte Revolution von oben in Berührung komme mit einem Thema, das schon für meine Mama vor 25 Jahren wichtig war – aber irgendwie eher andersrum. Sie las Ingeborg Bachmann und Simone de Beauvoir, saugte ihre Ideen auf und lebte ihr Leben als selbständige Frau, ohne dabei lila Latzhosen zu tragen. Das heißt: erst der Inhalt, dann der Look. Heute ist es eher der Look, die Ästhetik, der Slogan und dann – eventuell – der Inhalt. Themen werden beschrieben, angerissen, mit Smileys (Bizeps trifft roten Lippenstift) und Hashtags angedeutet und ästhetisiert statt tatsächlich auf den Punkt gebracht.

Ich freue mich über Bücher-Leselisten, über neue Blogs, Künstlerkollektive und Events, die Frauen feiern. Aber trotzdem bleibt die Frage, ob es richtig ist, ein so wichtiges Thema auf einer Trendwelle hochschwappen zu lassen, die allzu schnell von der nächsten abgelöst wird, wenn sie sich an einem Felsen bricht.

Wahrscheinlich sollte es genau dann unsere Aufgabe sein, zu fordern, dass es weitergeht. Dass wir den Anschub positiv nutzen, weiter surfen und uns vom Mainstream zurück in die Nischen begeben. Die dann wachsen und irgendwann zusammen eine Gemeinschaft mit politischen Forderungen bilden, die länger durchhält als eine Saison und einen Werbeslogan. Dann werden wir auf die Probe gestellt: Ob wir Feminismus nach drei Ausgaben abwählen – genau wie die „echten“ Models in der Brigitte – oder ob wir die Bewegung trotz der nervigen, unschönen und anstrengenden Seiten zu unserer erklären.

Autorin: Alicja Schindler
Fotos im Header: via monki, femtastics, trendom, Brandy Melville

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